Alle Realität ist nur ein Interpretationsprozess. Szenen auf der Leinwand in unserem Kopf. Ohne Gedanken ist nichts, und das Kino zeigt eine weiße Wand. Was aber, wenn das Kino von gefährlichen Kreaturen heimgesucht würde? Raubtiere, die von unseren Gedanken leben? Der Debütroman des Engländer Steven Hall erschafft einen solches Raubtier, einen Geisterhai. Er ist auf der Jagd nach Eric Sandersons Existenz, frisst seine Erinnerungen und Gedanken, raubt ihm jede Realität. Hall bemüht sich die Brüchigkeit der Realität, der Wahrnehmung eines um seine Identität betrogenen in seinem Roman einzufangen und so begegnen wir ständig dem Geisterhai. Zwischen den Zeilen reißt er Lücken in den Roman, schimmert immer wieder durch und bietet neue Rätsel. Woher stammt er? Wie bekämpft man ihn, wie schütz man sich? Wir fiebern mit, stolpern über die Brüche in der Realität ebenso wie die im Schriftbild des Romans, bis der Hai dann klar vor uns steht und alles aufzufressen droht. Ein Roman so spannend wie innovativ.

Der Artikel ist erschienen in WOM Ausgabe 03/07.