Die Reise ins Ich

Ganz langsam schiebt sich die Sonne über die fernen Berge und verdrängt das Grau des Morgens über der unendlichen Weite der kalifornischen Wüste. Der Wagen, ein alter Cadillac mit langen Flossen und dem Fahrgefühl eines langsam dahingleitenden Bootes steht vor einer einsamen Tankstelle. Aus dem Autoradio klingen die lateinamerikanisch anmutende Percussions, eine einsame Gitarre zerrt leise über den Rhythmus und dann beginnt eine eindringliche Stimme auf Englisch von der Weite des Landes zu singen. So in etwa könnte der Film aussehen, den Calexico mit ihrem neuen Album „Carried to Dust“ vertont haben – ein Roadmovie, so typisch Amerikanisch, ein uralter Mythos des Landes. „Ja, das könnte wohl sein, aber es ist genau so sehr auch ein Tagebuch, oder eine Reisebeschreibung. Vielleicht auch die Begleitmusik zu einem Jahresabonnement vom National Geographic,“ meint Joey Burns, der Sänger und Kopf der Band aus Tucson, Arizona.

Auf jeden Fall hat es dieses gewisse Etwas, dass sich nach Fernweh anhört. Die Reise scheint dem Album eingeschrieben zu sein, ebenso sehr wie die Wüste. Dabei sind Calexico schon immer mehr gewesen als eine Desert-Rockband. Joey lacht und kann sowohl zum amerikanischer Mythos als auch zur Wüste nur den Kopf schütteln: „Ich weiß nicht, mit diesen Konzepten tue ich mich sehr schwer. Natürlich bin ich an einem bestimmten Ort geboren, in Südkalifornien, und ich lebe seit mehr als 14 Jahren in der Wüste von Arizona. Und dieser Mythos des amerikanischen Westens ist ein Teil meiner Erfahrungen. Dadurch ist es sicherlich ein Teil meiner Vergangenheit und Gegenwart und wird sich natürlich auch in meiner Musik und meinem Leben wiederfinden lassen. Das ist wohl der Teil in mir, der sich die Frage stellt: ‚Was ist eigentlich mein Platz in all dem hier?’“ Joey wirkt ernst und sehr nachdenklich bei dem Gedanken an eine Verortung in der gegenwärtigen Realität. „Es ging uns darum einen Weg raus aus diesem Chaos zu finden.

Auf „Carried to Dust“ bereisen Calexico nicht nur ihren Kontinent, ihr Land, sondern auch eine Art innere Landkarte. Das Album reflektiert in seiner Ästhetik eine klare Ausrichtung auf sich selbst. Es entspricht in Text und Klangfarbe wieder mehr den ersten Alben, ist damit eine Absage an die direkte und rockigere Ausrichtung des Vorgängers. „Das stimmt, was man da hört, ist wahr-scheinlich die Ähnlichkeit der Ästhetik. Der Vorgänger entsprach in seiner Geradlinigkeit der Direktheit der amerikanischen Mentalität zu dieser Zeit. Vor zwei, drei Jahren war in Amerika eine Abwesenheit zu spüren. Ein Fehlen von Enthusiasmus, von dem Verlangen sich zu Äußern, eine Lücke in der Meinungsvielfalt. Das ging sogar soweit, dass sich diese Abwesenheit gegen sich selbst gerichtet hat. Aber zum Glück ist das heute nicht mehr der Fall. Die dunkle Höhle, in der wir uns damals glaubten, hat sich nur als Tunnel herausgestellt, an dessen Ende ein Licht zu sehen ist.“

Für Joey sind die Molltöne im Amerika 2008 noch deutlich hörbar, ebenso wie in der Musik von Calexico, aber eine freundliche Zuversicht sei doch zu spüren. „Wenn das Album schon einen Weg beschreibt, dann bestimmt einen, bei dem man von der Straße abgekommen ist. Ich schlendere gerne, bewege mich abseits. Dabei erreichen mich die besten Inspirationen. Immer in dem Moment, wo ich gerade irgendwo erwartet werde. Es ist immer dann, dass sich eine Idee in mir festsetzt und ich sie aufschreiben muss. Dieser Moment, wenn man ganz viele Eindrücke hat und nachst davon träumt. Du wachst morgens auf und bevor der Tag beginnt schreibst du ihn auf, noch vor dem ersten Kaffee. Das sind die tollsten Eindrücke deiner Selbst.“

Joey glaubt, diese positive Selbstsicht hätte viel mit einer Reise in die eigene Seele zu tun. Aber irgendwie spiegelt sich in ihr auch die Reise durch das Land, in dem er lebt und dessen Pulsschlag er mit „Carried to Dust“ abgenommen hat. Das Album ist eine Befindlichkeitsanalyse der amerikanischen Gesellschaft, es reflektiert seine Diversität aber auch seine vorsichtige Freude auf eine neue Zeit nach der Dunkelheit der vergangenen Jahre.

Ursprünglich erschienen im Loop 08/2008.