Keine Götter aus dem Pop-Olymp

Sie nennen sich scherzhaft „die größte Band, von der nie jemand gehört hat“: Dispatch kommen ohne Charthits und ohne Plattenverträge daher und verkaufen dennoch binnen Sekunden dreimal nacheinander den Madison Square Garden aus. Wie geht das?

„Keine Ahnung, wie das passiert ist. Wir haben uns von je her als Glückskinder empfunden und sind immer wieder überrascht, wie viele Menschen unsere Botschaft hören wollen“, sagt Chad Stokes, ein Bestandteil des Multi-Instrumentalisten-Trios. Trotz einer kreativen Pause seit mehr als 12 Jahren hat die Band immer wieder Erfolge feiern können, wie etwa den in New York, oder aber das Bostoner Konzert im Jahre 2004 als mehr als 100.000 Menschen aus aller Welt kamen. Die Entscheidung, nach so langer Zeit wieder ein Album aufzunehmen, hat auch was mit der politischen Verantwortung zu tun, in der sich die Band sieht, wie Stokes meint. „Dispatch haben sich schon immer für soziale Belange eingesetzt, doch mit der wachsenden Zahl unserer Fans, haben wir den Druck verspürt, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Wir nehmen den Aktivismus sehr ernst und wollten das Potential eines Albums nutzen.“

Die Band engagiert sich gegen den US-Imperialismus, setzt sich für soziale Gerechtigkeit im eigenen Land ein und unterstützt den Aufbau der Infrastruktur in Afrika. Neuestes Projekt ist aber der Kampf gegen die Bildungskrise in den USA. Stokes ist es wichtig, dagegen anzukämpfen, dass „in einem zivilisierten Land wie Amerika so viele Menschen keinen Schulabschluss machen, und dass in sozialen Brennpunkten Kinder nur eine 30% Chance haben, überhaupt eine Ausbildung zu erhalten. Oftmals ist in der dritten Klasse schon entschieden, ob jemand zum Schulabbrecher wird.“

Themen wie diese verhandelt das Trio aus Boston in seinen Indie-Rock-Reggae-Songs schon seit Jahren und konnte sich so ein treues Publikum, gerade an den Colleges des Landes erspielen, auch ohne Plattenvertrag. „Das zeigt doch, wie stark die Menschen sich austauschen, wie viele ein Gefühl davon haben, dass die Dinge schief laufen in diesem Land“, sagt Stokes und verweist auf die Macht, die in diesem Bewusstsein liegt: „Die Menschen überall auf der Welt begreifen, dass Ihre Stärke im Zusammenschluss liegt und sie gemeinsam etwas bewegen können.“ Jedes Konzert der Band wird so zum sozialen Event, bei dem Dispatch Buchspenden sammeln, Projekte vorstellen und dafür um Hilfe bitten. Vor den meisten Konzerten sind sie in der jeweiligen Gemeinde aktiv und helfen gemeinsam mit Fans Spielplätze zu bauen oder Schulen zu renovieren. Im Sinne eines solchen Gemeinsinns versteht Stokes auch den Erfolg der Band. „Es ist gerade das Wissen, dass Dispatch niemandem gehört – keinem Label, keiner Firma –, das die Menschen anzieht. Sie sehen keine Abgrenzung zwischen uns und sich selbst. Im Prinzip gehört jedem ein Teil der Band. Ich meine, wenn du uns auf der Bühne siehst, dann erkennst du doch einen Teil von dir selbst. Wir sind eben nicht diese Halbgötter des Pop, die sonst die Musikwelt bevölkern. Wir sind normale, langweilige Jungs – das macht den Reiz der Band aus, weil wir damit sagen: Du könntest da oben stehen und was bewegen.“

Dispatch – „Circles Around the Sun“

Ursprünglich erschienen im Piranha 08/2012 und auf Piranha.tv.