Der amerikanische Blues hat nicht gerade den Ruf, modern und jung zu sein. Zwar wird jeder New Yorker Hipster ein paar obskure Referenzen darüber im Repertoire haben, doch so richtig frisch und jung wirkt das Genre nicht unbedingt – zumindest bis jetzt.

In den USA jedenfalls gilt der 28-Jährige Texaner Gary Clark, Jr. als eine moderne Ikone des Blues, aber eben eine, die es geschafft hat, die Musik zu revolutionieren. Der schüchterne Musiker stand schon mit Eric Clapton auf einer Bühne, mit B.B. King, Buddy Guy und John Mayer. Er durfte für Präsident Obama im Weißen Haus spielen – und der war begeistert und schwärmte von der „Zukunft des Blues“. Denn Clarks Musik ist zwar Blues durch und durch, doch keinesfalls traditionell und puristisch. „Ich liebe es, mich ein wenig zu strecken, nach anderen Stilen zu greifen und die Grenzen auszudehnen“, sagt Clark und schaut lässig über seine Ray Ban-Sonnenbrille. „Der Blues ist ein ganz wichtiger Teil meines Lebens, ohne ihn ginge es nicht. Aber ich mag auch andere Musikstile und möchte diese nutzen, um meine eigene Ausdrucksform zu finden, ohne Filter oder Reglements. So gehe ich eigentlich alles in meinem Leben an.“

Schon als Teenager stand er in Austin auf der Bühne und veröffentlichte bereits mit 20 seine erste Platte – auf seinem eigenen Label, lokal in Texas, wo er als Wunderkind des Blues gefeiert wurde. Mit seinem Majorlabel-Debüt, das nun in die Läden kommt, wagt er es nun, Blues neu zu definieren: mal krachen die Gitarren im punkigen Garage-Sound, dann heult eine Hendrix-Gitarre (ein Vergleich, der durchaus kalkuliert ist – eine Coverversion ist auf dem Album). Im nächsten Moment jedoch wechselt das Tempo, tiefe Bässe und HipHop-Beats vermischen sich mit sanften Bluesgitarren, dann wieder wird ein Mid-Tempo Motown-Sound deutlich, der Erinnerungen an Marvin Gaye oder Otis Redding weckt. Clark lacht und zuckt mit den Schultern: „Ich habe keine vorgefertigten Muster oder Vorlieben. Ich will einfach wissen, was mit einer Gitarre alles möglich ist. In der Musikgeschichte haben so viele Menschen so unterschiedliche Dinge mit diesen sechs Saiten angestellt, dass ich mich einfach nicht entscheiden kann, was ich cooler finde. Und ich muss es ja auch nicht. Ich kann alles nehmen und für mich nutzen.“

Um dieser Vielfalt Herr zu werden, hat Clark sich für das Debüt gleich von zwei Produktionsgrößen inspirieren lassen und ist mit Rob Cavallo (Green Day, My Chemical Romance) und Mike Elizondo (Dr. Dre, Fiona Apple) ins Studio gegangen. „Das war großartig. Die Songs, die mehr Rhythm & Blues-Elemente hatten, die HipHop-Beats brauchten, die hat Mike mit mir aufgenommen. Bei den härteren, rockenden Stücken hat Rob die Mischung gemacht. So hatte ich das beste aus beiden Welten und brauchte mich nicht entscheiden.“ Wieder schaut Clark schüchtern und leicht verschmitzt über die Sonnenbrille – ganz unschuldig und so, als hätte er nicht gerade eigenhändig ein Musikgenre radikal verjüngt und mit einem kräftigen Schwung ins neue Jahrtausend gehieft.

Gary Clark, Jr. – „Blak and Blu“

Ursprünglich erschienen im Piranha 03/2013