Die Erfolgsstory der laut eigenen Angaben größten Einzelhandelskette des Entertainment-Softwarebereichs beginnt im Jahre 1984 mit „Babbage’s“ einem einzigen Spiele-Laden in Dallas, Texas. Von da geht es im Auf und Ab der Märkte über Rettungsaktionen, Merger und Umstrukturierungen in einer wilden Fahrt bis zur globalen Dominanz 2013: Heute zählt GameStop, wie das Unternehmen nun schon seit Jahren heißt, mehr als 6.600 Filialen in 15 Ländern der Welt. Das Konzept ist dabei immer gleich: ein kleiner Laden, zumeist in einem gut frequentierten Einkaufszentrum, viel Laufkundschaft und eine möglichst niedrige Schwelle zum Produkt. Games für jedermann. Auch in Deutschland finden sich die Auftankstationen für Games in jedem größeren Ballungszentrum. Doch wie geht es dem einzelnen Store in dem riesigen US-Unternehmen? Wie funktioniert so ein Boxenstopp bei GameStop? IGM besuchte Filialleiter Tim Schirrmeister in seinem GameStop im Wandsbek Quarree und sprach mit ihm über den Job.

IGM: Moin, magst du vielleicht erst mal kurz was zu dir sagen? Wie bist du zu GameStop gekommen?

Tim Schirrmeister: Sehr gerne, angefangen habe ich mit einer klassischen Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Ich habe Einzelhandel, aber auch schon Groß- und Außenhandel gemacht. Und wie bei den meisten GameStop-Mitarbeitern üblich, bin ich selber Spieler und habe früher viel gezockt. Ich habe vor vier Jahren durch Zufall die Anzeige für die neue Filiale in der Europa-Passage gesehen und mich dort gleich beworben. Nur zwei Wochen hat es gedauert, dann wurde ich vom stellvertretenden Filialleiter zum Filialleiter befördert und musste direkt Verantwortung übernehmen. Ich habe dann vier Jahre lang die Europa-Passagen Filiale direkt in der Hamburger Innenstadt geleitet. Vor zwei Monaten bin ich hierher nach Wandsbek gewechselt. Die Filiale wollte ich schon immer gerne haben, weil ich hier um die Ecke wohne und weil die Filiale mit die stärkste im Gebiet ist. Ich musste mich zwar erstmal an die neuen Kollegen und die etwas andere Kundschaft gewöhnen, aber prinzipiell ist es immer noch dasselbe Konzept.

„Wie bei den meisten GameStop-Mitarbeitern üblich, bin ich selber Spieler“

IGM: Was meinst du mit anderer Kundschaft? Wie sieht die bei GameStop denn überhaupt aus? Wer ist der typische Kunde?

Schirrmeister: Die Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten. Der durchschnittliche Gamestop-Kunde ist schwer zu beschreiben. Das ist total buntgemischt und kommt zum Beispiel auf die Stadtteile an. Von 10-60 Jahren ist alles dabei. In Bezug auf die Filialen, die ich kenne, würde ich sagen, dass die Klientel recht häufig so um die 30 bis Mitte 30 ist, die Generation, die mit der Original PlayStation angefangen hat und schon länger dabei ist. In der Europa-Passage waren das vor allem die Leute, die in den umlegenden Büros gearbeitet haben und dann in der Mittagspause gekommen sind. Entsprechend gingen dort insbesondere die 16er- und 18er-Titel mit hoher Frequenz. Außer natürlich zu Weihnachten, da ist es typisch, dass die Casual-Gamer kommen. Die Muttis, Vatis und Omas, die dann für die Kiddies Geschenke suchen.Hier in Wandsbek ist das etwas gemischter, da treffen vor allem auch unterschiedliche soziale Schichten aufeinander. Es kann dir hier schon mal passieren, dass ein Kassiervorgang mit einer schwarzen AmEx abgeschlossen wird, und der nächste Kunde danach zahlt mit einem Haufen 10 Cent Stücke.

IGM: Und die jüngere Klientel? Die unter 18-Jährigen, wie schaut es bei denen aus?

Schirrmeister: In der Europa-Passage sind sie ein relevanter Faktor, dort hast du eine hohe Besucherzahl – gerade was Schulklassen und Urlauber angeht, also entsprechend auch jüngere Klientel. Alleine durch die vielen Klassenfahrten hatten wir in der Europa-Passage eine hohe Frequenz an jugendlichen Gamern. Das habe ich hier in Wandsbek so gar nicht. Deswegen steht hier auch keine einzige Demo-Konsole. In der Europa-Passage steht zu jedem System eine – zumindest als ich da war – und ab ca. 14 Uhr am Nachmittag werden die Konsolen regelmäßig genutzt.

IGM: Apropos Ausstattung: Als Filiale einer großen Kette bleibt die Frage ja nach der Freiheit, solche Entscheidungen selber zu treffen. Was darfst du entscheiden in Bezug auf Ausstattung, Dekorationen und so weiter?

Schirrmeister: Man hat schon Spielraum, kann viel selber entscheiden. Wir haben unsere Vorgaben, wie die Deko auf bestimmten Flächen auszusehen hat – dafür gibt es einen monatlichen Werbeplan – aber in dem vorgegeben Rahmen kann man selber schon einiges machen. Werbemittel und bestimme Platzierungen sind vorbestimmt, aber wie man den Gesamteindruck in Kombination mit der Ware gestaltet, steht dem jeweiligen Filialleiter frei. Da siehst du schon Unterschiede, wenn du mal in anderen Stores bist.

„Man hat Spielraum, kann viel selber entscheiden“

IGM: Wie steht es mit den Einkäufen? Wie viel entscheidet ihr selbst in Bezug auf die Bestückung mit Ware und die Vorlieben eurer Kunden?

Schirrmeister: Unsere Neuware kommt aus dem Zentrallager. Wir selbst haben darauf über die Zahl unserer Vorbestellungen Einfluss. Generell bekommen die Läden alle dieselbe Bandbreite an Titeln. Und der Einkauf dafür läuft zentral. Wenn wir viele Vorbestellungen haben, dann bekommen wir auch genügend freie Ware dazu. Bei kleineren Titeln ohne große Vorab-Nachfrage bekommen wir entsprechend auch kleinere Mengen. Und damit sind wir bisher immer gut gefahren. Überraschungen haben wir in dieser Hinsicht noch nicht gehabt – da ist vom Einkauf immer gute Arbeit geleistet worden. Das mag auch mit an einer gewissen Gleichförmigkeit der Nachfrage in allen GameStop-Filialen liegen. Deshalb ergibt es sich zum Beispiel nicht, dass so große regionale Unterschiede entstehen.

IGM: Ist der Konzern denn eher dominant oder sind die auch kritikfähig?

Schirrmeister: Es ist jetzt nicht so, dass GameStop die große seelenlose Kette aus den USA ist. Im Gegenteil, ich finde, die Leute, die hier arbeiten, lieben ihren Job und haben Spaß an der Arbeit. Das tragen sie auch an die Kunden weiter. Die Firma ist auch kritikfähig. Ich gebe dir ein Beispiel für die Bereitschaft zur Veränderung: Seit einiger Zeit haben wir wieder ausgewählte Importe im Programm. Zwar vertreiben wir hauptsächlich die USK-Titel, aber dass wir ausgesuchte PEGI-Importe haben, ist ein Zugeständnis an uns, die Verkäufer, weil wir es vehement gefordert haben. Wir wollten zumindest ausgewählte Importe im Programm, weil die Kundennachfrage da ist. Wir können zwar nicht jeden Titel als Import anbieten, aber bei wichtigen Titeln ist das jetzt machbar. Das haben wir im Konzern durchgesetzt, weil wir gesehen haben, dass bei den großen Ab 18-Titeln die Leute lieber zum Import bei kleinen unabhängigen Läden greifen und eben nicht die USK-Version kaufen. Und das hat GameStop eingesehen und die Einkaufsstrategie geändert.

IGM: Konkurrenz ist ein gutes Stichwort. Wie handhabt ihr das hier vor Ort?

Schirrmeister: In Wandsbek gibt es nicht viel direkte Konkurrenz. Der nächste Media Markt ist hier recht weit weg. Dann ist die Straße runter ein Conrad, die haben jetzt neuerdings auch Spiele. In den meisten Fällen sind aber Media Märkte die direkte Konkurrenz – in Hamburg zum Beispiel am Phönix-Center oder auch in Billstedt, da sitzen die Märkte gleich gegenüber.Da schauen beide Seiten halt schon regelmäßig, was der andere für Preise macht. Wir gehen aber nur bis zu einem gewissen Schritt mit. Und hier in der Gegend gibt es eben auch noch einen kleinen freien Laden. Ich merke aber nicht wirklich, dass wir Konkurrenten sind. Ich war ein oder zweimal privat in diesem Laden, aber sonst haben wir nicht wirklich was miteinander zu tun.

„Generell bekommen die Läden alle dieselbe Bandbreite an Titeln“

IGM: Was läuft denn bei euch besonders gut?

Schirrmeister: Spiele, die am meisten in die Kasse bringen, sind auf jeden Fall immer noch die Serien, die schon ein paar Jahre laufen und dann jedes Jahr einen neuen Titel rausbringen. Call of Duty, Battlefield, FIFA laufen immer noch sehr gut, Crysis 3 wird bestimmt wieder gut laufen, GTA 5 könnte ein Anwärter auf das Spiel des Jahres werden, eventuell auch der neue BioShock-Titel. In Sachen Plattformen verkaufen wir hauptsächlich Konsolen-Titel. PC ist bei uns mit den Jahren weniger geworden. Ich weiß nicht genau warum, aber vielleicht ist es ein Kostenfaktor bei den Kunden. Um auf dem PC einen aktuellen Titel spielen zu können, musst du ja teilweise alle 2-3 Monate das Ding aufrüsten. Ich glaube nicht, dass die Kunden da wirklich Bock drauf haben. Die Konsole ist da einfach angenehmer, die hat eine gute Grafik, ist von den Preisen her kein so großer Unterschied mehr… und das Gebrauchtgeschäft macht einen wichtigen Teil unseres Umsatzes aus. Bei uns hier in Wandsbek läuft der Ankauf immer recht gut.

IGM: Ist das in der Europa-Passage anders? Geben die Leute dort mehr Geld aus oder wieso fällt dir das hier so auf?

Schirrmeister: Ja, das stimmt tatsächlich. Die Leute hier draußen in Wandsbek geben anders Geld aus. Die Kunden greifen hier eher mal zu den gebrauchten Titeln oder nutzen unser Umtausch-Angebot. Das ist hier ein echter Renner. Wir bieten an, zwei Titel von einer Liste einzutauschen und der Kunde kann dann für 9,99 Euro einen neuen Titel mitnehmen. Das Angebot ist extrem beliebt. Da merkst du schon, dass die Leute ein bisschen auf den Euro schauen. Aber man kann jetzt nicht sagen, dass die Leute kein Geld ausgeben. Die Wandsbeker spielen viel und gerne. Du hast genügend Leute hier, die am Anfang des Monats vorbeikommen und sich standardmäßig mit ein oder zwei Titeln eindecken. Die siehst du dann am nächsten Ersten wieder, an dem sie die Spiele dann wieder eintauschen und neue Spiele mitnehmen. Das hast du jeden Monat.

IGM: Ist der Job dann manchmal eine Herausforderung?

Schirrmeister: Nein, ich finde eigentlich nicht. Spiele sind eine sehr verkaufsfreundliche Ware, weil die meisten Kunden einfach klar wissen, was sie haben wollen. Wenn man sich bei Games gut auskennt – und nach ein paar Jahren kennt man jeden Titel – dann ist der Job sehr dankbar. Und wenn du überzeugt bist von einer Ware, dann ist es eigentlich egal, was du verkaufst. Ich könnte sicher auch mit derselben Inbrunst Klamotten verkaufen, aber es ist von der Klientel schon einfach sehr interessant, im Games-Bereich zu arbeiten. Du bist immer mit jungen Leuten zusammen und hast ein sehr lockeres Klima. Das würde ich nicht missen wollen.

IGM: Ein schönes Abschluss-Statement. Vielen Dank für das Gespräch. ? (ls)

Ursprünglich erschienen in IGM 02/2013 und auf igmonline.de