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Über Umwege zum Ziel

Eigentlich wollte Ray Wilson an neuem Material für ein weiteres Stiltskin-Album arbeiten, doch der Schreibprozess hatte eine andere Richtung eingeschlagen. „Chasing Rainbows“ ist sanft, melodiös und erwachsen – ein typisches Soloprojekt des schottischen Sängers.

Dabei sah noch alles ganz nach hartem Rocksound aus, als Wilson nach seiner 4CD-Box vor zwei Jahren wieder zu schreiben begann. Die ersten Songs, die in Zusammenarbeit mit Gitarrist Uwe Metzner entstanden, waren Post-Grunge Nummern mit kräftigem Sound. „Dann kam ich irgendwie vom eingeschlagenen Weg ab“, gesteht Wilson, „und Uwe hatte keine Zeit mehr. Ich habe dann viel mit Peter Hoff geschrieben, mit dem die Songs aber einen viel sanfteren, im Singer/Songwriter-Stil liegenden Sound bekamen. Die Musik hatte weniger Rohheit, weniger Ecken und Kanten, war erwachsener – da war uns klar, dass es sich eher um Solomaterial handelte, das man auch im kleineren Rahmen präsentieren können musste.“

Für Ray Wilson hat sich der Schreibprozess eines Albums in den über 20 Jahren seiner Karriere stark verändert. Wo er früher selber mit Stift, Papier und Gitarre stunden- oder gar tagelang über Songs gebrütet hat, da bevorzugt er heute eher eine Art assoziative Kollaboration mit besagten Songwritern Metzner und Hoff. „Ich bekomme musikalische Arrangements zugeschickt. Die nehme ich, höre sie ein paar Mal durch und singe 3-4 Takes pro Song einfach drüber, geradeheraus was mir in den Kopf kommt. Diese Aufnahmen, diese Assoziationen höre ich mir dann an und baue auf den interessantesten oder schönsten Elementen auf und so entstehen meine Songs. Ich liebe diese Art zu arbeiten, weil persönliche, intuitive und direkte Stücke dabei entstehen.“ Und so saß Wilson im Sommer 2012 an den Songs, schrieb „Chasing Rainbows“. Die Tracks sind positive, warme Songs über die „fundamentalen Dinge des Lebens“, sagt Wilson: „Die neuen Stücke sind im Sommer entstanden, das ist meine Zeit zu schreiben. Da ist weniger los, einige Festivals vielleicht, aber sonst habe ich Ruhe und Muße. Ich setze mich dann raus, habe Kopfhörer auf und schreibe. Deswegen klingen die Songs vom neuen Album wohl auch leichter. Wobei ich ‚Happy-Songs‘ nicht leiden kann, ist einfach nicht mein Ding. Fröhlichkeit scheint mir irgendwie zu entgehen. Aber persönliche Geschichten über Liebe, Hoffnung, das Leben – das sind meine Sommerthemen, auch wenn ich sie immer etwas dunkler färbe.“

So bietet „Chasing Rainbow“ dann auch jede Menge erwachsenen Rock. Zwölf Songs, die von den Unwegbarkeiten des Zwischenmenschlichen erzählen, manchmal mit diesem Zwinkern im Blick, der Wilsons Ironie zum Ausdruck bringt. Wie etwa bei „She’s a Queen“, wenn er davon singt, wie schwer es für Männer ist, Frauen zu verstehen: „Es geht um die typischen Macken. Das ist ein Fluch für uns Männer, denn verstehen werden wir das sicher nie. Sie sind auf der Welt, um uns das Leben schwer zu machen. Aber sie sind eben auch Königinnen.“

Ray Wilson – „Chasing Rainbows“

Ursprünglich erschienen im Piranha 06/2013