Seit fast zwanzig Jahre gehört Richard Patrick mit seiner Band Filter nun schon zur Speerspitze einer Musikrichtung, die irgendwo zwischen Elektronik, Industrial und Metal ein Nischendasein fristet. Trotz Achtungserfolgen und Hits konnte sich die Band aber immer noch nicht aus der Spezialisten-Ecke befreien. Denn irgendwie will sich der kommerzielle Erfolg im Bereich Industrial nicht so recht einstellen. Genrekollege Trent Reznor hat sich zwischenzeitlich von jeglicher kommerziellen Vermarktung abgewendet, nur um nun doch mit dem neuen Nine Inch Nails-Album wieder zum Major-Label zurück zu kehren. Rob Zombie scheint als Regisseur deutlich mehr Aufmerksamkeit zu erregen, denn als Musiker und auch Al Jourgensen musiziert mit seiner Kultkombo Ministry seit Jahren eher auf kleinen Indie-Labels vor sich hin.

Dabei hatte Anfang der 1990er Jahre alles so gut ausgesehen für den Industrial. Ministrys „N.W.O.“, Nine Inch Nails „Closer“ und White Zombies „More Human Than Human“ gelten bis heute als Underground-Hits, ebenso wie Filters Debütsingle „Hey Man, Nice Shot“. Doch der Erfolg geht über ein kurzes Aufblinken im Mainstream nicht hinaus. Mit „Take A Picture“ wechseln Filter sogar für kurze Zeit zu pop-angehauchten Sounds mit Akustikgitarren und landen in den Charts, aber die Nachhaltigkeit ist nicht da. Völlig unverständlich, wenn auch für eingefleischte Fans natürlich nur Indiz dafür, hier einen Geheimtipp vor sich zu haben.

Auf dem neuen Album „The Sun Comes Out Tonight“ nun beweist Patrick einmal mehr, was Filter ausmacht: die explosive Mischung aus treibenden Elektrobeats, hymnischen Power-Keyboard-Akkorden, energiegeladenem Gesang und natürlich mächtigen Gitarrenriffs bietet hier alle Elemente der letzten Alben erneut auf. Da sind die kraftvollen, extrem tanzbaren Kracher im Stile von „Where do we go from here?“ – man schaue sich „Burn It“ oder „It Got to Be Right Now“ an. Das mit blubbernden Bässen und stiller Atmosphäre beginnende „What Do You Say“ erinnert stark an „Hey Man“, während die Gitarren und flockige Fröhlichkeit von „Surprise“ oder „First You Break It“ wiederum an „Take A Picture“ erinnern. Wie gesagt, alle Stile und Facetten von Filter finden sich hier wieder.

Generell ist das Album härter, elektronischer und vor allem energischer als das 2010er „Trouble with Angels“. Doch mit vielen hymnischen Melodien und genialen Popsounds dürfte es dennoch mit eines der kommerziellesten Filter-Alben sein. Für die Band jedenfalls kann man sich nur wünschen, dass der Erfolg diesmal nachhaltiger ist – verdient hätten sie es. Und vielleicht ziehen andere Industrial-Acts gleich mit – Rob Zombies aktuelles Album oder Reznors Band How to Destroy Angels zeigen jedenfalls, dass das Genre sehr wohl noch viel neues zu bieten hat.