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Apocalypse Now!

Jaz Coleman über …

… Religion

Ich habe lange Zeit Wicca praktiziert. Ich kannte Maxine und Alex Sanders als ich noch ein Kind war. In dem Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es eine geborene Hexe. Daher waren meine Erfahrungen mit Wicca gut. Meine Familie war sehr frei eingestellt und ich wurde auch so erzogen. Wenn es um Religion geht, dann verehre ich noch heute das Weibliche. Das Weibliche ist unsere Mutter Erde, sie gibt uns Essen und versorgt uns. Ich denke, das war schon immer Bestandteil von Killing Joke. Das ist es was wir schon immer verehrt haben. Gott im Weiblichen zu sehen.

… Zukunft

Bevor es vorbei ist, werden wir einiges zu sehen bekommen. Firmen werden zu Nationen werden. Sie tun es ja bereits. Kinder werden bald schon Nike oder Starbucks heißen. Familien werden sich von einem halben Dollar am Tag ernähren müssen, wenn überhaupt. Das ist die Zukunft die ich sehe. Ich sehe Menschen in Sauerstoffstationen stehen, so wie wir es heute mit Bars machen. Allerdings nur die Reichen. Schau dir nur mal die Fakten an. Diese Dinge werden passieren. Ich glaube jedoch, dass wir noch nicht den endgültigen Zustand unserer Evolution erreicht haben. Ich meine, man braucht doch kein Genie zu sein, um zu sehen, dass sich zum Beispiel das Wetter ändert. Es passt nicht mehr zusammen. Wir haben darüber schon vor 25 Jahren geredet, aber heute ist es schlimmer. Wir leben in den unbeständigsten Zeiten, die je erlebt habe.

… Alternativen

Ich glaube an erneuerbare Energien. Windenergie, Solarenergie und Wasserkraft. Erstens kosten die nichts und zweitens sind sie moralisch einwandfrei. Und dann glaube ich an Permakultur. Das ist ein Konzept, bei dem es darum geht das Ökosystem nicht auszubeuten, sondern zu erhalten und zu nutzen. Mit Hilfe einer Vielzahl von Arten und Sorten. Jede davon steht in Zusammenhang mit den anderen. Zum Beispiel ein Obstgarten. Die Äpfel fallen vom Baum, ernähren die Vögel, die wiederum scheißen in den Busch, wo die Insekten rum schwirren. Die werden dann von den Fischen im Teich gefressen und die ernähren uns. Dazu kommt eine Polykultur in der Landwirtschaft. Nicht nur eine Sorte Getreide anzubauen, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Sorten. Wie wir unser Leben gestalten, das ist die wichtigste Frage, die es zu beantworten gilt.

… das, was wichtig ist

Denkst du nicht auch, wir sollten glücklich sein, dass wir Menschen um uns haben, die wir lieben? Iss, trink und sei froh. Ich denke, eine gewisse Menge Existentialismus ist gesund. Um heute klarzukommen auf jeden Fall. Wir können uns auf morgen vorbereiten, aber nie etwas für gegeben hinnehmen. Ich habe schon so viele Menschen sterben sehen. Darüber habe ich sehr viel nachgedacht. Die Moral dessen, was ich gottverdammt tagtäglich tue. Ich sollte lieber Fischen gehen. Da hast du es, ich habe die Wahl. Ich kann mich entscheiden, was ich will. Andere Künstler haben sich für die großen Häuser und die anderen beschissenen Fallen des verblödeten Pop-Star-Daseins entschieden. Ich habe mich lieber für die Freiheit entschieden. Ich verpisse mich. Denn es geht nach Süden. Alle werden sich nach Süden verpissen. Es ist zu verdammt kalt und wir können uns die verschissenen Heizkosten nicht leisten.

… England

Hör mal. Für diese Nation kann man sich nur verdammt noch mal schämen. Wenn du in einem anderen Land bist, zum Beispiel in Tschechien oder in Neuseeland, dann bemerkst du warum. Diese Länder haben eine folkloristische Tradition. Sie singen die Lieder ihre Vorfahren, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wenn du es England kommst, fällt dir auf, dass es das nicht gibt. Deine Herkunft ist aber sehr wichtig. Deshalb haben wir damals angefangen und unsere eigenen Lieder gemacht. Unsere eigenen Volksweisen. Die neue Volksmusik, die Musik einer neuen Generation. England hat keine Folklore. Es gab einfach zu viele Invasionen. Wie zum Beispiel die Medien. Wir haben alles verloren. Und fang jetzt ja nicht mit Shakespeare an. Meine Mutter ist immer in stundenlanges Rezitieren ausgebrochen, wenn jemand nur den Namen erwähnte. Das ist keine folkloristische Tradition.

… Talent

Jeder hat ein Talent. Ein gottgegebenes Talent. Daran glaube ich von tiefstem Herzen. Und ich glaube an freien Willen, den dir auch dein Gott gegeben hat. Dein Geschenk. Und dieses Geschenk findest du im Leben. Und das Leben ist die selbstlose Erfüllung dieses Geschenkes, wie auch immer es aussehen mag. Vielleicht bist du ein großartiger Kellner, oder du bist ein großartiger Koch, ein brillanter Eiskunstläufer oder ein genialer Pianist. Das macht verdammt noch mal keinen Unterschied. Egal was du bist, sein ein Meister. Und meistere die Dinge, die du tust. Klar, das ist ein hoher Anspruch und ich selber muss auch noch ein paar Dinge meistern, aber es lohnt sich.

… Liebe

Ok, wenn es um die Liebe geht, dann mache ich mir ehrlich gesagt nicht die geringsten Sorgen. Denn, wenn die Liebe stark ist, dann wird sie alles überleben. Und wenn sie schwach ist, dann eben nicht. Dann wird es ein Trümmerfeld geben. Aber dann war es eben auch keine starke Liebe. Also, warum sollte ich mir Sorgen machen? Man kann ja doch nichts tun, also lohnen die Sorgen nicht. Ich war zweimal verheiratet und bin jetzt wieder mit der Frau zusammen, von der ich mich letztes Jahr habe scheiden lassen. Und ich bekomme trotzdem nicht mein Geld vom Anwalt wieder – egal. Frauen sind einfach die besseren Gefährten im Leben. Und wenn man Sex will, dann zieht man danach einfach in ein anderes Land. Oh Gott, welch ein Glück, dass meine Frau kein Wort deutsch spricht. Und das hier lasse ich bestimmt nicht übersetzen.

Der Artikel ist erschienen im WOM Magazin Ausgabe 04/06.
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