Postmoderne Klangwelten

Wer Mitte der 60er Jahre in Andy Warhols Factory spazierte und im Auge des großen Meisters ein Starpotential bot, der durfte einige Sekunden vor der Kamera Platz nehmen. Eine filmische Momentaufnahme, die viel über das Selbst des Menschen aussagt. Ein Screen Test. Eine dieser avantgardistischen Visitenkarten inspirierte die Hamburger Tim Panic, Dolby Surrender und Till van Daalen zu ihrem Bandnamen und verrät uns auch schon etwas über die musikalische Ausrichtung. Es geht um Pop-Art, verzerrt und verfälscht, in unterschiedliche Versionen gebracht, ähnlich wie bei Warhol. Und es geht um Noise im Stile von Sonic Youth. Es geht um die Gradwanderung dazwischen: „Die Differenz aus Pop und Noise ist wichtig, es geht um die Divergenz des Sounds. Nur Rumgniedeln ist ja auch scheiße, dann lieber zurückkippen in ein poppiges Element, um das dann wieder aufzubrechen mit einem vertrackteren Element,“ erklärt Dolby den Sound der Band. Experimenteller Klang, die Erschaffung großer und interessanter Kunst also. Aber ist das in Zeiten des Radioformats überhaupt noch möglich? „Naja, du musst dich fragen: willst du dem Zuhörer dienen oder willst du den Zuhörer erziehen?“ stellt Dolby provokant in den Raum. Es versteht sich von selbst, dass hier didaktische Meisterleistung erbracht werden soll. Also bieten Susan Screen Test dem Hörer eine musikalische Momentaufnahme, die viel über sie selbst aussagt, aber auch dem Zuhörer viel abverlangt. Eine Beschäftigung mit der Kunst ist da schon das Mindeste, was man mitbringen muss.

Der Artikel ist erschienen im Piranha Magazin Ausgabe 09/06.