Tätowierungen sind für die Ewigkeit. Abgesehen von Laserbehandlungen bleibt das gewünschte Motiv ein Leben lang unverändert auf dem Körper. So die landläufige Meinung, aber stimmt das wirklich? Nicht ganz, denn der Körper verändert sich stetig und so auch die Tätowierung. PERFECT INK klärt über die Veränderungen auf, die ein Tattoo durchmachen kann.

Hinter der Klischeefrage „Und wie sieht das Tattoo aus, wenn du Achtzig bist?“ steckt zwar meistens die Furcht vor sozialem Druck, doch schwingt darin auch ein Thema mit, das die meisten Tätowierten gerne verdrängen. Tattoos verändern sich, sie wandeln sich mit der Zeit und sind Umwelteinflüssen ausgesetzt. Niemand wird behaupten, dass ein Tattoo in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch genau so farbenfroh leuchtet oder so scharf konturiert ist wie am ersten Tag nach dem Stechen. Doch wie genau verändern sich Tattoos? Was muss man beachten, wenn man sich ein Tattoo aussucht?

Farben

Farbige Tattoos (wie etwa Asian oder Old School) leiden mit den Jahren unter einem leichten Ausbleich-Effekt. Die Farbe leuchtet nicht mehr so stark und die Kontraste verschwimmen ein wenig. Aber auch das Tribal in Tiefschwarz verändert sich und nimmt mit den Jahren einen leichten Blau- oder Grünstich an. Wie bei Gemälden oder Fotos ist hier neben dem normalen Alterungsprozess vor allem die Sonneneinwirkung (UV-Strahlung) schuld. Sonnenanbeter haben es also schwerer – je mehr direkte Sonne auf die Haut wirkt, desto schneller tritt dieser Effekt ein. Wer sich gerne und lange bräunt, der wird vielleicht schon nach einigen Jahren Veränderungen bemerken, wer hingegen den Schatten bevorzugt, der kann sein Tattoo länger wie „frisch gestochen“ erhalten.

Linien

Doch auch unabhängig von der Sonne verändern sich Tätowierungen. Insbesondere bei scharf konturierten Linien machen sich diese Veränderungen innerhalb einiger Jahre bemerkbar. So entsteht ein leichtes Verlaufen der Linien, sie „wachsen“ an. Im Durchschnitt gehen Tätowierer davon aus, dass eine Linie sich etwa alle 5-7 Jahre in ihrer Breite verdoppelt. Ausgehend von den 0,2 bis 0,4 mm der ursprünglich gestochenen Linie ergibt sich so eine maximale Linienstärke von 3-5 mm im Alter. Für jüngere Menschen (unter 25) empfehlen Tätowierer daher, dass Linien nicht mit einem geringeren Abstand  als 3-5 mm zueinander tätowiert werden. Bei Tribals bedeutet das Anwachsen nur, dass die Ränder leicht auszufransen beginnen, was aber nur bei genauer Beobachtung auffällt. Problematisch ist diese Verdoppelung der Linien einzig bei Motiven mit starkem Realitätsgrad, also vor allem Tätowierungen von Fotos oder bei filigranen Detailsarbeiten. Wenn hier zu feine Linien tätowiert werden, dann können diesen nach zehn oder zwanzig Jahren völlig in einander verschwommen sein.

Das richtige Motiv

Aus genau diesem Grund gilt daher auch, dass bestimmte Motive für eine Tätowierung ungeeignet sind. Je detaillierter eine Abbildung sein soll, je filigraner die Linienführung, desto problematischer wird das Tattoo – spätestens in ein paar Jahren. Dies wird vor allem dann noch verschärft, wenn das Motiv in einem zu kleinen Format aufgebracht werden soll. Ein fotorealistisches Abbild des Liebsten auf dem Rücken funktioniert besser als das selbe Motiv auf dem Handgelenk. Bei realistischen Motiven sollte man sehr genau mit dem Tätowierer die Konsequenzen der Motivwahl besprechen und explizit nachfragen, wie das Tattoo sich verändern kann. Professionelle Tattoo-Artists verringern den Realitäts- oder Detailgrad auf ein für Tätowierungen angemessenes Maß und erreichen trotz des Anwachsens der Linien dauerhafte, realistische Abbildungen.

Die richtige Stelle

Doch nicht nur bestimmte Motive, auch unterschiedliche Stellen am Körper sind für Tätowierungen unterschiedlich geeignet. Manchen Körperstellen sind weitaus stärker beansprucht und verändern sich und ein dort angebrachtes Tattoo schneller und deutlicher. Im Bereich der Hände etwa, die in steter Nutzung sind, verändern sich Tätowierungen am stärksten – hier verschwimmen Linien deutlich schneller, verblassen Farben. Doch auch Gelenke wie Ellbogen, Knie oder Knöchel sind davon betroffen, da die Haut hier in konstanter Bewegung ist. Schwaches Bindegewebe hingegen könnte bestimmte Motive auswaschen lassen, insbesondere bei filigraner Linienarbeit. Die Innenseiten von Oberarm und Oberschenke, der Bauchbereich oder der Po könnten solche Problemzonen sein.

Mehr dran

Ein Problem des Bindegewebes entsteht auch, wenn der Körperbau sich deutlich verändert, sei es durch Schwangerschaft oder durch starke Zu- oder Abnahme. Tätowierungen leiden vor allem dann unter solchen extremen Schwankungen, wenn das Bindegewebe reißt. Wer also Sport treibt, das Gewebe stärkt, regelmäßig ölt oder cremt – wie das Schwangeren sowieso empfohlen wird – der wird auch in Bezug auf die Tätowierung weniger Veränderung bemerken. Hierbei gilt natürlich auch wieder: die Stelle macht den Unterschied. 20 kg Zu- oder Abnehmen verändern das Oberarm-Tattoo weniger als den dünnen Schriftzug um dem Bauchnabel.

Tipps zur Haltbarkeit

Wie aus diesen Ausführungen deutlich werden sollte, ist eine gute Beratung im Vorfelde hilfreich. Wichtig ist auch, dass das Tattoo eine Chance hat gut zu verheilen und nicht schon im frischen Zustand harschen Umwelteinflüssen ausgesetzt wird. Auf keinen Fall in die Sonne mit einem frischen Tattoo! Um dann das Tattoo auch über Jahre hinweg zu pflegen und „frisch“ zu halten, gelten die selben Regeln, die ein Mediziner auch sonst für gesundes Leben empfehlen würde: Sonne nur in Maßen und mit genügend Schutz, Sport und Fitness für ein festes Bindegewebe und die Haut immer schön pflegen.

Reparaturen

Sollte das Tattoo aber nach Jahren – und trotz der sorgsamsten Pflege – nicht mehr ganz so aussehen, wie man es sich wünscht, dann besteht natürlich immer noch die Möglichkeit die Tätowierung nachstechen zu lassen. Farben lassen sich natürlich deutlich besser wieder herstellen als verlaufenen Linien. Hierzu sei aber gewarnt, dass jedes „Übertätowieren“ eine neue Verletzung des Gewebes darstellt – man sollte das Nachstechen also nicht zum regelmäßigen Ritual werden lassen sonst kann es zu Vernarbungen kommen und der ganze Effekt ist ruiniert.

„Wie wird ein Tattoo gestochen?“

Die Haut ist das größte Sinnesorgan des Menschen, sie schützt uns vor Kälte, Wärme, Reibung, Strahlung, Mikroorganismen und vielem mehr. Um diesen Schutz möglichst effektiv zu gewähren, besteht die Haut daher aus drei übereinander liegenden Schichten: der Oberhaut, der Lederhaut und der Unterhaut, die jeweils aus weiteren kleineren Schichten bestehen. Die Unterhaut ist dabei für den Tätowierungsprozess eher unwichtig, da sie hauptsächlich aus Bindegewebe besteht und die Lederhaut „verankert“. Eine Tätowierung wird – im Idealfalle – in den oberen Teil der Lederhaut eingebracht, in die sogenannte Zapfenschicht, die mit der darüber liegenden Basalschicht der Oberhaut verbunden ist. Hier befinden sich die Papillarkörper, in denen die Farbe eingekapselt wird. So kann diese dauerhaft im Körper verbleiben. Diese Schicht liegt je nach Körperstelle und Beschaffenheit der Haut etwa 2-4 mm tief.

Wird ein Tattoo mit einer zu geringen Einstichtiefe eingebracht, landet die Farbe in der Oberhaut, die aus sich ständig erneuernden Hautzellen besteht. Es dauert nur etwa 4-6 Wochen, dann ist die Oberhaut vollständig erneuert. Ein so oberflächliches Tattoo würde mit den Hautzellen abgestoßen werden. Weit problematischer ist aber noch, dass die Oberhaut nur zwischen 0,05 und 1 mm dick ist und kein Tätowierer an jeder Stelle der Haut erspüren kann, wie tief er hier hineinstechen darf. Ein „gewollt“ flaches Tattoo (wie früher bei Bio-Tattoos behauptet) ist also unmöglich zu stechen und fleckige, qualitativ minderwertige Tattoos sind die Folge.

Ein zu tiefer Einstich der Farbe hat aber auch negative Nebenwirkungen, da in der Unterhaut hauptsächlich weiche und lockere Bindegewebezellen und Fettpolster zu finden sind. Wenn hier Farbe eingebracht wird, entstehen keine Einkapselungen wie in den Papillarzellen sondern „Ausblutungen“. Die Farbe verteilt sich zu stark, wäscht aus. Darüber hinaus kann es zu stärkeren Blutungen in diesen Schichten kommen, die ebenfalls die Farbaufnahme bzw. die Farbwirkung verschlechtern.

In editierter Form erschienen in Perfect Ink #1.2013