Vorhang auf, Bühne frei! Geniales Jump’N’Run mit revolutionärer Theater-Optik

Als Entwickler Gavin Moore sein neuestes Werk, »Der Puppenspieler«, der deutschen Presse präsentierte, da wurde er nicht müde seine Inspiration für das vielseitige Jump’N’Run zu erwähnen. Er hatte bei Spielenachmittagen mit seinem kleinen Sohn die Erfahrung gemacht, dass der Junge sich von den meisten Spielen schnell gelangweilt fühlte, weil diese ausschließlich repetitive Aufgaben an den Spieler stellen würden und sich von Anfang bis Ende nur wenig veränderten. Dem Kleinen passierte in den Spielen zu wenig – was den Ehrgeiz des Entwicklers anstachelte, ein Spiel zu machen, bei dem alle fünf Minuten etwas Neues passiert.

Drama in sieben Akten

Diesem Motto folgte Moore gebetsmühlenartig und erschuf ein wahres Feuerwerk an Ideen, das er in sieben Akten über dem Spieler abfeuerte. Zuerst mal wäre da das Setting – das entgegen jeglicher sonstiger Affinität von Spielen zu Filmen, sich erstmals einer älteren Unterhaltungsform zuwendet: dem Theater. Klar durch Bühnenbild, Scheinwerfer und dem Raunen des Publikums als Aufführung eines Stückes erkennbar, stolpert der Spieler als kleiner Junge Kutaro in das größte Abenteuer seines Lebens. Er wird vom Mondbärenkönig entführt, der ihn in eine Holzpuppe verwandelt, ihm seinen Kopf abreißt und ihn dann in den Kerker wirft. Von dort entflieht Kutaro mit Hilfe einer fliegenden Katze, einer mehr als dubiosen Hexe und einer kleinen Feen-artigen Zofe. Von Akt zu Akt erweitert der kleine Kutaro seine Fähigkeiten und bekommt Hilfsmittel an die Seite gestellt. Zuerst befreit er die magische Schere Calibrus, mit der er die Schergen des Königs zerschneidet und sich an Ranken oder Stoffbahnen entlang in den Leveln fliegend seinen Weg bahnen kann. Es folgt der Schild eines legendären Ritters, der ihm Schutz bietet, kleine explodierende Bomben oder auch lange Ketten, zum Ziehen weit entfernter Gegenstände.

Abwechslung und heiteres Köpfesuchen

Das »Alle-5-Minuten-Etwas-Neues«-Konzept des Spiels kommt vor allem im Leveldesign zu tragen, das vom Spieler mal einfache Hüpf- und Klettereinlagen fordert, dann wieder die Schere dazu nutzt vertikale Level zu durchqueren, den Schild, um sich gegen Energieschüsse zu wehren, die Kette, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen und vieles mehr. Von Szene zu Szene – von denen es je drei pro Akt gibt – wechselt die Herausforderung an den Spieler. Fast alle sind von einem hohen Tempo und viel Action geprägt, inhaltlich wie auch stilistisch aber sehr unterschiedlich. Das Design ist immer am Puppentheater angelehnt, variiert aber von der Festung des Königs, zum Bambuswald bis hin zum Friedhof enorm. Am Ende jedes Aktes dann steht einer der Generäle des Mondbärenkönigs, der jeweils durch actionreiche Real-Time-Events und die richtige Strategie besiegt werden muss.

Übergeordnetes Handlungsmotiv ist Kutaros Suche nach seinem eigenen Kopf, den ja der Mondbärenkönig gestohlen hat. Bis er aber seinen eigenen Kopf zurück hat, muss Kutaro auf Ersatzköpfe zurückgreifen, die ihm zu bestimmten Zeiten erlauben ganz besondere Fähigkeiten einzusetzen. Ein Knochenschädel ermöglicht ihm auf den Friedhof Fledermäuse aus einer Gruft zu befreien, ein Burger-Kopf lässt ihn in der Küche leichter vom Teller springen – die Köpfe sind der Schlüssel zu vielen Extras und alternative Routen in den Leveln. Und sie sind das verbindende Element der einzelnen Szenen, in denen es insgesamt 100 der skurrilsten Köpfe zu sammeln gibt. Verliert Kutaro einen Kopf – durch Gegner oder Fallen – muss er diesen schnellstmöglich wieder aufsammeln, sonst verliert er auch sein »Leben«. Neue Köpfe findet man, in dem man seinen Begleiter die Umgebung untersuchen oder fliegende Suppentöpfe einfangen lässt.

Zu zweit gleich doppelt so viel Spaß

Als alleiniger Spieler steuert man sowohl Kutaro als auch seinen Begleiter und muss nicht nur Hüpfen, Springen und Kämpfen, sondern zugleich auch noch den Begleiter das Gebiet untersuchen lassen, um so sammelbare Mondsteinsplitter aus der Umgebung zu schütteln oder neue Köpfe für Kutaro zu finden. Das ist mitunter recht hektisch und nicht immer leicht zu koordinieren. Spielt man den »Puppenspieler« hingegen zu zweit, dann ist das Spiel wesentlich leichter – denn der zweite Spieler übernimmt die Steuerung von Kutaros fliegendem Begleiter (zuerst die Katze, später die Fee) und arbeitet kooperativ mit ihm zusammen. So kann er Kutaros Kopf für ihn einsammeln, Gegner aus dem Weg räumen oder selber Mondsteinsplitter einsammeln, die Kutaro für Extraleben eintauschen kann. Der kooperative Modus liefert eine völlig neue, zusätzliche Dimension, die die Spielerfahrung auf spannende Art erweitert. Das beste daran ist jedoch, dass der zweite Spieler jederzeit in das Spiel ein- und auch wieder aussteigen kann, ohne dass dadurch der andere Spieler beeinträchtigt wird – der Übergang ist völlig unkompliziert und absolut nahtlos.

Einzig die Tatsache, dass das Spiel für einen 8-Jährigen konzipiert wurde, könnte problematisch sein. Wer nicht mehr so geistig flexibel ist, der fühlt sich bei all den visuellen Reizen schnell überfordert. Insgesamt schafft es der »Puppenspieler« aber das Jump’N’Run Genre zu innovieren und dabei mit sinnvoll eingesetzter 3D-Technik und stimmiger Atmosphäre voll und ganz zu überzeugen.

Extra-Kasten:  Tiefenscharf auf der Bühne

Meist ist 3D in einem Film oder Spiel überflüssig und nur da, weil es eben der Stand der Technik war. Meist, aber nicht immer. »Der Puppenspieler« ist hier die Ausnahme der Regel, denn die Bühnenoptik und die wechselnden Vorder- und Hintergründe machen die dritte Dimension, also die Tiefe der Bühne, zu einem wesentlichen Teil der Spielerfahrung. Die Puppen springen an den Rand der Bühne, treten aus dem Dunkel und ragen zum Teil in den Zuschauerraum – all das macht in 3D richtig etwas her. Und weil die Entwickler sich dank der starren Kamera auf hohe Bildraten konzentrieren konnten, ist die Qualität der Effekte eindrucksvoll. So sollte 3D eingesetzt werden.

Ursprünglich erschienen im PS3 Magazin 10/2013