Böse Mädchen und der Country

Eigentlich kommt Lindi Ortega ja aus der kanadischen Großstadt Toronto, die musikalisch wie geografisch nicht weiter von Nashville entfernt liegen könnte als New York oder Los Angeles. Doch im Herzen scheint Miss Ortega ein Faible für den klassischen Country-Stil der Südstaaten zu haben – so covert sie Johnny Cash gekonnt und begeister eingefleischte Countryfans. Sie zog schon vor einiger Zeit in die Stadt der Cowboy-Träume und veröffentlich mit „Tin Star“ bereits ihr drittes Album, das einen modernen, variablen und alternativen Countrysound liefert, der im Kontrast zum eher konservativen Stil der Südstaaten-Metropole steht.
„Ich verbinde in meiner Musik gerne Altes mit Neuem, singe über klassische Country-Themen wie Einsamkeit, kaputte Beziehungen oder Eifersucht, aber auch über Themen, die als Tabu gelten, wie etwa Drogensucht.“ Ortega ist mit ihrem für andere Stile offenen Countrysound und den Tabubrüchen so etwas wie eine junge Wilde in der Szene. Ihre Vielseitigkeit und Offenheit macht sie aber auch über die Grenzen des Genres hinaus bekannt und beliebt. So ist sie mit „Gypsy Child“ flockig und beschwingt und geradezu Pop, während ihr „I Want You“ an die White Stripes erinnert und bluesig schwer wummert. Mit „This is not Surreal“ reicht sie einfühlsam an Singer/Songwriter Nymphe Heather Nova heran und „Something For You“ ist wieder so klassisch Country, das Dolly Parton ihn hätte singen können. Hörenswert ist das gesamte Album auf jeden Fall, auch und gerade für Menschen, denen Country nur wenig sagt.

Lindi Ortega – „Tin Star“

Ursprünglich erschienen im Piranha 11/2013