Feuertrunken für Europa

Ihr neues Album „Kopfüber ins Nichts“ beginnt mit einer Dekonstruktion. Musikalisch nehmen die Punkrocker Serum 114 die Europa-Hymne des guten Ludwig van B. derart auseinander, das nichts mehr stehen bleibt. Doch warum nur?

„Wir hatten das Gefühl, Europa würde in den nächsten Jahren definitiv ein zentrales Thema sein, doch sehen wir nicht, dass es dabei ein vereintes Europa geben wird“, sagt Sänger Esche über das Intro des Albums: „Die ursprüngliche Idee war also, dieses ‚zerfallene‘ Europa musikalisch darzustellen. Die fette Portion Punkrock, die wir in das Stück gepackt haben, gibt ihm deswegen etwas Destruktives.“ Damit bleibt die Band, für die „Kopfüber ins Nichts“ bereits das vierte Album ist, ihrem Konzept treu, provokante Gesellschaftsthemen im deutschen Punkrock zu vertonen. Denn Europa ist ihnen wichtig, als Wegweiser für die Zukunft. Den aktuellen Trend zum Nationalismus sehen sie deswegen auch kritisch: „Die Entwicklung in der Politik Europas ist bedenklich. Es zeigt wie einfach es ist, die Ängste der Menschen für extreme, nationale Gedanken zu missbrauchen.“

Sie sind offen und artikuliert in ihrer Kritik des Nationalen, aber neigen nicht zum ernsten Statement. In einer Textzeile von „Weil ich kann“ heißt es stattdessen, sie würden gerne der „NPD vor die Tür kacken“. Serum 114 provozieren wie damals die Sex Pistols mit wirksamen Gesten. Aber sie sehen den Punkrock hauptsächlich als Mittel, sich gegen Konventionen und Beschränkungen zu wehren: „Wir finden man kann mit Punkrock nach wie vor politisch sein, wenn man möchte. Punkrock bedeutet für uns als Band aber nicht unbedingt direkt politisch Stellung zu beziehen, sondern eher gegen alteingesessene Institutionen zu rebellieren. So haben wir etwa den Eindruck, das der Antifaschismus den Punkrock teilweise instrumentalisiert. Die ursprüngliche Form des Punk war aber unserer Meinung nach nicht so ambitioniert. Nichtsdestotrotz muss man antifaschistische Bewegungen ernst nehmen und unterstützen. Leider gibt es aber auch in dieser Szene ziemliche Hohlköpfe, genau wie in jeder anderen Szene.“

Wie tief das Dogma in manchen hohlem Kopf sitzt, sehen Serum 114 an ihren ehemaligen Labelkollegen Frei.Wild, die ja von Medien und Antifa als rechtsradikal abgestempelt werden. „Das kommt uns vor wie eine Farce. Da spielen beide Seiten mit Klischees. Wenn man wirklich dem Erfolg der Band etwas entgegensetzen wollte, müsste man nur aufhören zu hetzen. Aber mal Klartext: Wir sind mit einzelnen Bandmitgliedern befreundet und würden uns dafür verbürgen, dass sie keine Neonazis sind. Mit übertriebenem Patriotismus haben wir trotzdem nichts am Hut … außer zur WM, da werden die Deutschen ganz klar alles wegrocken.“

Serum 114 – „Kopfüber ins Nichts“

Ursprünglich erschienen im Piranha 07/2014