Vom Kind zum Mann

Die thematische Inspiration ihres neuesten Albums haben die kanadischen Indiefolker Elliott Brood einem Song ihrer Kollegen The Constantines zu verdanken, die „Work and Love will make a man out of you“ sangen.

„Keine Ahnung. Es mag daran liegen, dass wir alle in eine neue Lebensphase übergetreten sind, oder daran dass wir selber Kinder bekommen haben, aber im Grunde hatten wir das Gefühl, einen rückwärts gewendeten Blick zu brauchen, um zu verstehen wie dieser Übergang von Kindheit zum Erwachsensein vonstatten gegangen ist. Das Album ist das Ergebnis dieses Blicks, auf uns gerichtet und mit Wohlwollen unsere Vergangenheit betrachtend.“ Mark Sasso, eine der beiden treibenden Kräfte hinter der kanadischen Indiefolk-Band Elliott Brood wirkt entspannt, wenn er von seiner Kindheit spricht, dabei ist er in den wirtschaftlich harten 1980er Jahren in der heruntergekommenen Industriemetropole Windsor aufgewachsen – der Stadt, die direkt neben Detroit gelegen einen ähnlichen wirtschaftlichen Abstieg verkraften musste. „Es stimmt schon, gerade die Autoindustrie hat damals enorm gelitten und das hat Windsor ebenso hart getroffen wie Detroit. Das Leben um uns herum war hart, aber aus der Sicht von heute betrachtet war es eben wichtig das durchzustehen. Nicht zu vergessen, wir waren Jugendliche. Das Album betrachtet ja gerade den Prozess des Erwachsenwerdens. Wir kanalisieren da die Erfahrungen und Gefühle – und die waren nicht nur düster. Meine Kindheit etwa war ziemlich gut, meine Großeltern hatten eine Farm, auf der ich viel Zeit verbracht habe. Auch das ist auf dem Album zu spüren.“

In der Tat ist „Work und Love“ abwechslungreich in seiner Vermittlung von Reminiszenzen. Da sind die Fehler der Jugend ebenso vertreten wie der erste Herzschmerz. „Ich habe nie gedacht, dass ich mal einen Lovesong schreiben würde, aber hey, das Album sollte uns eben auch aus dem Bereich bringen, an dem wir uns sicher fühlen. Wir haben erstmals die Zügel für die Produktion einem anderen übergeben, das war nicht einfach.“ Sasso und seine Kollegen haben sich für die Produktion des Albums in die Hände von Ian Blurton (u.a. Weakerthans) begeben. Und der war es auch, der die Band nicht nur inhaltlich, sondern eben auch musikalisch herausgefordert hat. So ist „Work and Love“ dann auch zum wohl vielschichtigsten Album der Band geworden, das in seiner Simplizität dennoch eine detailreiche Produktion offenbart: „Ich seh das Album und bin immer noch erstaunt, wie delikat diese Einfachheit sein kann. Das Album ist kein Extrem für uns, aber wer sich die Mühe macht, der wird viele Details erkennen, weitere Ebenen der Aufnahmen, gerade in den Vocals, die vorher nicht in unserer Musik waren. ‚Einfach‘ ist für mich keine negative Bewertung – die Songs sind direkt, aber doch vielschichtig und wundervoll aufgebaut.“

Elliott Brood – „Work and Love“

Ursprünglich erschienen im Piranha 11/2014