Vor drei Jahren haben wir Frank Schleede von 2nd Reality besucht, um mit ihm über seinen Laden und die Zukunft des Gaming zu sprechen. Seitdem ist das Geschäft digital geworden und die nächste Generation Konsolen ist im Handel angekommen. Aber wie schlägt sich da 2nd Reality?

IGM: Frank, vor drei Jahren bei unserem ersten Gespräch warst du etwas pessimistisch in Bezug auf Entwicklungen in der Gamesbranche. Stichwort: Digitalisierung.

Frank Schleede: Stimmt, und ich denke, die Tendenzen sind immer noch gegeben. Generell sieht man das schon. Die Industrie hat immer noch ein starkes Interesse daran, den Handel mit Games ins Digitale zu verlegen. Beispielsweise hat Capcom den ersten Teil von Resident Evil gar nicht mehr auf Disc rausgebracht. Das Spiel ist nur als Download erschienen. Oder die Spiele erscheinen zeitlich versetzt. Bei Wolfenstein: The New Order hat man den Download eine Woche vorher online gestellt, die Disc gab es dann später. Die Firmen präsentieren ihre Produkte online anders oder verkaufen Titel dort exklusiv. Und ich befürchte, dass wird in den nächsten Jahren noch anziehen. Die Industrie wird ihr Angebot in Zukunft sukzessive auf einen reinen Onlinemarkt umstellen.

IGM: Und wie macht sich dieser Trend bei dir persönlich bemerkbar? Wird der Umsatz weniger?

Frank Schleede: Das kommt drauf an, bei Wolfenstein: The New Order habe ich den digitalen Vorlauf schon deutlich gemerkt. Die Argumentation der Kunden kann ich ja nachvollziehen. Die wollen nicht warten, sondern spielen. Wenn ihre Kumpels sich das Spiel runterladen und schon spielen können, dann ist der Anreiz für meine Kunden natürlich groß, das auch zu tun. Die Disc kaufen dann nur Wenige später nach. Aber generell kann ich sagen, dass solange es noch einen Release von Titeln gibt, die nicht gleichzeitig als Download angeboten werden, solange ist der Umsatz für mich noch stabil.

„Digitalen Vorlauf merke ich deutlich.“

IGM: Ganz konkret gefragt: Was hat sich bei dir verändert in den letzten drei Jahren?

Frank Schleede: Nicht so massiv viel. Vor drei Jahren hatte ich noch einen Azubi, aber dessen Ausbildung ist beendet. Ich habe aber keinen neuen mehr angestellt. Das würde sich leider nicht tragen. Der Laden ist also eine One-Man-Show. Außerdem habe ich meine Öffnungszeiten vormittags ein wenig korrigiert. So habe ich ein bisschen mehr Freizeit. Am deutlichsten spüre ich die Veränderung an der Umstellung meines Sortiments. Ich merke, dass die Nachfrage nach Retro-Gaming jedes Jahr mehr wird: Super Nintendo, N64 ­– die alten Konsolen. Und Reparaturen. Das mache ich jetzt wesentlich mehr. Früher hatte ich auch mal ein aktuelleres Gerät auf dem Tisch. Jetzt merke ich sehr deutlich, dass die Leute mit ihren alten Geräten ankommen. Die haben sie auf dem Dachboden gefunden haben, oder bei Oma wiederentdeckt – und diese Geräte kriege ich dann zum Durchschauen auf den Tisch. Dieser Trend ist so deutlich, dass es Tage gibt, an denen ich mehr Retro-Sachen verkaufe als aktuelle Ware.

IGM: Wodurch wird dieser Trend angekurbelt? Ist es die Entwicklung neuer Spiele im Retro-Stil oder das genuine Interesse an den alten Geräten?

Frank Schleede: Ich weiß, ob neue Spiele dabei helfen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Medien den Leuten einen Anreiz geben und so deren Gefühle zu alten Spielen beeinflussen können. Ein witziges Beispiel dafür sind die alten Classic-Gameboys, von denen ich im Schnitt immer fünf bis sechs hier rumliegen habe. Die sind langsam aber stetig gefragt und deren Preis zieht Stück für Stück an. In irgendeinem Blog oder einem Bericht hat dann ein Autor darüber geschrieben, wie froh er sei, seinen Gameboy aus der Jugend noch zu haben. Den habe er sich schön auf die Toilette gelegt, und immer wenn er eine Sitzung habe, spiele er dann Tetris. Das gehe sogar soweit, dass er den Gameboy jetzt dort liegen lasse und das Spielen dort zelebriere. Mit kleinem Tischchen und Tischdecke und so. Und immer wenn dann Besuch da sei, sei zu merken, dass die auf Klo länger bräuchten, weil die dann ein bisschen Tetris spielen. Die Story hat sich rasend schnell verbreitet und in der einen Woche habe ich daraufhin alle meine vorrätigen Geräte verkauft. Die Medien, insbesondere die sozialen Netze sind da nicht zu unterschätzen und können einen großen Kaufreiz auslösen. Wenn eine Reportage über die gute alte Gaming-Zeit erscheint, dann glaube ich schon, dass das im Handel zu spüren ist. Bei mir jedenfalls ist das so.

„Neuer Trend: Gameboy auf dem Klo.“

IGM: Gerade haben wir darüber berichtet, dass PS3 und Xbox 360 langsam ausgemustert werden. Bedeutet das, dass diese Konsolen damit für dich interessanter werden, weil sie ihren Weg in Richtung Retro antreten?

Frank Schleede: Erstmal ist zu sagen, dass die Konsolen ihren Dienst geleistet haben. Fast acht Jahre sind diese Konsolen aktuell gewesen. Das ist in Ordnung. PS3 und 360 sind aber für mich nicht retro. Die Vorgängermodelle, wie die PS2 sind im Handel bei mir auch nicht angezogen. Mein PS2-Handel ist aktuell rückläufig. Retro bedeutet für meine Kundschaft: mindestens 20 Jahre alt und drüber. Das Interesse am N64 steigt jetzt langsam. Und es sind tendenziell sowieso nur Nintendo-Produkte, die besonders gut gehen. Interesse am Sega Master System oder dem Mega Drive ist eher gering. Tatsächlich erinnern sich die Leute aus ihrer Jugend vor allem an Nintendo. Einzige Ausnahme ist die originale PlayStation, wo in kleinem Umfang auch Nachfrage herrscht. Aber die meisten Kunden haben als Kinder und Jugendliche ein Super NES gehabt und Mario gespielt. Und das ist es, was sie noch im Kopf haben und nachfragen. Bei mir ist das Interesse an Retro-Gaming eindeutig markengebunden. Nintendo war einfach der Vorreiter. Ein paar Sega-Spieler gibt es zwar noch, aber auf das Jahr gerechnet verkaufe ich vom Mega Drive vielleicht dreißig Module. Auf das Jahr kann ich diese Angabe beim Super NES gar nicht genau machen, aber das ist bestimmt das Zehnfache.

„Retro ist für die Kunden eindeutig Nintendo.“

IGM: Ist denn der Generationenwechsel bei dir auch angekommen? Hat die PS4 ihrer kleine Schwester PS3 den Rang abgelaufen?

Frank Schleede: Ja, auf jeden Fall. Das ist spürbar. Es sind anderthalb Jahre seit dem Release der PS4 und ich merke deutlich den Wechsel. Weniger als zehn Prozent meiner Kunden kaufen noch PS3-Spiele, zumindest wenn es um Neuware geht. Die Kundschaft ist voll auf die Next-Gen-Konsolen umgestiegen. Wobei ich bei mir im Geschäft ganz klar feststellen kann, dass die Xbox One gegenüber der PS4 massiv abfällt. Für mich ist das Xbox Geschäft nicht nennenswert. Um ein aktuelles Beispiel zu geben: Von The Witcher 3 habe ich von der PS4 über hundertzwanzig Stück verkauft, für die Xbox One komme ich auf keine dreißig.

IGM: Hast du eine Idee, woran das liegt? Was sagen die Kunden?

Frank Schleede: Ich kann das nur aus den Gesprächen ableiten, die ich mit Kunden führe. Ich glaube, die Leute haben eine Abneigung gegenüber Microsoft entwickelt aufgrund der Aussagen, die Microsoft vor Release der Xbox One getätigt hat. Der Tenor damals war recht eindrucksvoll: Die Kamera muss aktiviert sein, die Konsole muss ständig online sein, Gebrauchtspiele werden nicht mehr funktionieren. Und die TV Unterstützung stand im Fokus der Berichte. Da haben viele Gamer sich vor den Kopf gestoßen gefühlt. Die Reaktion war ein überwältigendes „Das wollen wir nicht. Wir wollen eine Spielekonsole und keinen Multimedia PC“. Das hat bei vielen meiner Kunden in jedem Fall die Entscheidung reifen lassen, sich lieber für eine PS4 zu entscheiden. Und wenn dann ein paar Leute sich die PS4 kaufen, zieht das die anderen mit. Online sehen die ihre Kumpels, die spielen alle PS4, dann kaufen sie sich auch eine. Es gibt ja auch keinen Vorteil mehr, weil nur wenige Spiele exklusiv sind. Ryse ist exklusiv, Dead Rising 3 – aber das ist vom Markt, kann man also nicht kaufen –, Forza Motorsport. Die Liste ist überschaubar. Und technisch sind die alle nicht so brillant, dass sie die PS4 an die Wand spielen würden. So schade ich das auch finde, weil so kaum Konkurrenz existiert. Aber bei mir im Laden ist das eben so.

IGM: Digitale Games, Retro-Gaming und neue Konsolen. Da ist viel in Bewegung gewesen in den letzten Jahren. Aber wie geht es weiter mit dir und 2nd Reality?

Frank Schleede: Das kann ich dir so genau nicht sagen. Ich weiß nicht, in wie weit die Gamesbranche, oder auch die Hardware-Hersteller überhaupt noch am klassischen Einzelhandel festhalten. Es ist ja heute schon so, dass Firmen direkt über ihre Webseiten vertreiben. Ich weiß also nicht, ob ich in Zukunft noch damit Handel treiben kann. Online werde ich niemals betreiben – habe ich auch nie gewollt. Für mich geht es nicht um die Masse sondern um den Kundenkontakt. Ich habe Zeit für die Leute, berate und biete Service. Solange das noch nachgefragt wird, mache ich weiter.

IGM: Wir drücken die Daumen. Besten Dank für das Gespräch.

 

 

Ursprünglich erschienen im IGM 08/2015. — IGM 08 2015 – Interview 2nd Reality