Bedrückendes Psychogramm: »The Town of Light« versetzt Spieler in die Rolle einer psychisch Kranken

Als Renée mit 16 Jahren in die Psychiatrie von Volterra eingeliefert wird, da hat sie schon eine ganze Menge hinter sich und doch scheint das ebenso übereifrige wie uninteressierte Personal nichts zu tun, um ihr zu helfen. Im Gegenteil: Ihre »Therapie« ist eine Odyssee durch die verschiedenen Abteilungen der Einrichtung und eine brutale Geschichte voller Ungerechtigkeit, Missbrauch und Leid. Renée wird von einem unmenschlichen Apparat verwaltet und gerät immer tiefer in das System.

Das Videospiel »The Town of Light« widmet sich eindrücklich diesem Geschehen und prangert so künstlerisch verstörend den Irrsinn psychiatrisch-medizinischer Praxis Anfang des 20. Jahrhunderts an. Renées Geschichte und die Handlung des Spiels beruhen auf wahren Begebenheiten und sind deswegen umso aufreibender. Das Spiel startet im Jetzt und lässt uns in der Ego-Perspektive die leeren und zerfallenen Hallen des Sanatoriums erkunden. Dabei finden wir immer wieder Orte, Akten oder Gegenstände, die Erinnerungsfetzen in unserem Bewusstsein hochspülen und uns so Renées ganz persönlichem Leidensweg näher bringen.

Die dichte Atmosphäre des ruinösen Gebäudes, der langsam untergehenden und durch die Gitter eindringenden Sonne, der verrottenden Betten und rostenden medizinischen Gerätschaften – all das erinnert an klassischen Survival-Horror á la »Silent Hill« und doch setzen die Entwickler nicht auf Schockmomente oder übernatürliche Monster. Das Monstrum in dieser Geschichte ist die Gesellschaft, manifestiert in männlich dominierter wissenschaftlicher Hybris, im übergriffigen und ausbeuterischen Pfleger, in religiös prüden Moralvorstellungen und den pseudomedizinischen Erkenntnissen der 1930er Jahre. Renées Schicksal wird zum individuellen Erfahrungsmoment für die Spieler, abseits jeglicher Survival-Klischees oder Action-Orgien. Und wer hier meckert, dass für ein Adventure die Rätsel nicht schwer, die Steuerung nicht genau genug seien oder gar, dass die Handlung zu wenig über die Welt verraten würde, der hat nicht verstanden worum es geht.

»The Town of Light« ist viel weniger ein Spiel als ein Psychogramm, in dem wir eben beabsichtigt nichts über andere Patienten, die Motivation der Ärzte oder die Realität außerhalb des schizophrenen Geistes von Renée erfahren sollen. Wir sind gefangen, genau wie Renée. Die Kunst des Spiels liegt gerade in der Verbindung unterschiedlicher Realitätsebenen und der neuralgisch in das Spiel eingebauten Entscheidungen, in denen Renées multiple Persönlichkeiten den weiteren Verlauf der Handlung bestimmen. So finden sich Spieler in (der Rolle) der Patientin wieder und müssen, ganz real, den Horror einer psychiatrischen Behandlung ertragen – bis zum bitteren Ende.

Wer »The Town of Light« mit normalen Spielmaßstäben bewertet, der wird entsprechend unweigerlich enttäuscht sein. Zu langatmig, zu eingrenzend, zu anstrengend. Vielmehr muss man das Werk als so etwas wie eine interaktive Neufassung von »Einer flog übers Kuckucksnest«, »Die Glasglocke« oder »Durchgeknallt« begreifen. Hier steht die künstlerische Ebene im Vordergrund und generiert Aufmerksamkeit für ein wichtiges und oft vergessenes Thema, und das ist eine intellektuelle Herausforderung, spielerisch vermittelt.

Plattform: PS4, Xbox One, PC/ Entwickler und Anbieter: LKA.it und Wired Productions

USK: 16 / Preis: 20 Euro