Shooter, mal anders – »Far Cry: Primal« profitiert von seinem ungewöhnlichen Steinzeit-Setting. Die »Far Cry«-Reihe besticht unter Actionspielen vor allem durch ihre Exotik. Spieler durften bisher im paradiesischen Südpazifik oder im malerischen Himalaya ihre technisch hochgerüstete Schießkunst unter Beweis stellen und gleichzeitig virtuelles Sightseeing genießen. Dabei standen die verzückende Schönheit der Landschaft und die oft als naiv porträtierte Ureinwohnerschaft der entlegenen Regionen für eine Welt jenseits real greifbarer Erfahrungen. Sie ermöglichten die nötige Distanz, um den Kampf für Freiheit und Überleben melodramatisch groß und spektakulär gewaltreich inszenieren zu können.

Zum Inventar dieser Spiele gehörten entsprechend überzeichnete Bösewichte und ihre in gesichtslosen Massen auftretenden Schergen ebenso wie eine Vielzahl an magischen und technischen Extras, mit denen Ottonormal-Spieler zu Superman wurde. Doch nach vier regulären Teilen schlich sich ein wenig Redundanz in die Schwarz-Weiß-Logik der Action. Und auch die exotisch entrückten Ecken der Welt waren bald aufgebraucht. Mit »Far Cry Primal« versucht die Reihe nun eine Neuerfindung ohne den Verlust der Kernidentität. Statt eines geografischen Exotizismus ergeht sich »Primal« in einem temporalen – ganze 12.000 Jahre liegen zwischen uns und dem urzeitlichen Idyll von Oros, der Welt des Spiels.

Durch die üppige Vegetation stapfend wird die Gruppe des jungen Wenja-Kriegers Takkar von einem Säbelzahntiger angegriffen und alle seine Begleiter sterben. Takkar entkommt ins Tal von Oros, wo er anderen Wenja begegnet. Sie leiden unter zwei mächtigen Konkurrenz-Stämmen, die als Invasoren nach Oros kamen. Die Udam, grobschlächtige Krieger, sehen die Wenja als Nahrung. Die intelligenten Izila wollen sie versklaven und ihrem Feuergott opfern. Und weil Takkar sich als Auserwählter entpuppt, wird er kurzerhand zum Anführer erkoren – dem Kampf um die Freiheit kann beginnen.

Es spricht für »Far Cry Primal«, dass die Entwickler bei der Erschaffung ihrer urzeitlichen Welt viel Liebe zum Detail haben walten lassen. Neben den grandiosen Panoramen der wilden Landschaft ist es vor allem die Stammesgemeinschaft der Wenja, die zu überzeugen weiß. So hat Ubisoft für das Spiel eine eigene Ausdrucksform von Linguisten entwickeln lassen, die auf den ältesten Formen bekannter indo-europäischer Sprache basiert. Die dichte Atmosphäre aus Artikulation, Ritualen und Magie erzeugt tatsächlich eine Identifikation mit den Figuren, die über die Klischees der letzten beiden Teile der Reihe hinausgeht. Hinzu kommt, dass der im Setting begründete Verzicht auf Warenhandel, technische Gimmicks und Waffenvernarrtheit das Genre des Ego-Shooters gründlich aufrüttelt.

Mit Pfeil und Bogen oder einem Speer bewaffnet sorgt die Mammutjagd für massig Adrenalinschübe, die der abgeklärte Vorgänger nicht zu liefern vermochte. Eine schöne Neuerung ist auch, dass Takkar eine spirituelle Verbindung mit Tieren hat, die ihm erlaubt etwa eine Eule als Luftaufklärung einzusetzen oder einen Panther als Fernangriff. Die Innovation ist zwar nicht groß, schließlich bleibt die Spielmechanik relativ gleich – kämpfen, sammeln, erobern –, doch in Sachen Exotik beweist »Far Cry Primal«, warum die Reihe zur Action-Elite der Spielewelt gehört.

 

Plattform: PS4, Xbox One, PC/ Entwickler und Anbieter: Ubisoft / USK: 16/ Preis: 60 Euro