Ray Wilson blickt mit seinem Live-Album „Time & Distance“ auf seine lange und vielseitige Karriere zurück und versammelt auf 2 CDs 25 wunderschöne Versionen von Songs, die ihn musikalisch geprägt haben.

Die Karriere des Ray Wilson ist ein seltsam mehrschichtiges Wesen, das weiß der Mann selber. Die Idee, diesem Wesen musikalisch ein Denkmal zu setzen kam Ray als er seine letzte Tour vorbereitete und von seinen Fans viele Anfragen für Songs bekam. Mit dabei waren auch immer wieder Anfragen zu Genesis – die Band, für die Ray 1997 (also vor 20 Jahren) das Album „Calling All Stations“ aufgenommen hatte. Die Band, für deren Tour er sich intensiv mit dem Songkatalog der beteiligten Musiker auseinandergesetzt hatte und deren Musik er innig liebt. Klar war also, ein Teil der Tour und eben auch des Live-Albums würde den Musikern von Genesis (sowie deren Solo-Alben) gewidmet sein. „Ich wollte die Alben getrennt halten, weil die Stimmung der Songs unterschiedlich ist. Meine Songs sind ruhiger und melancholischer, aber Genesis war mir wichtig, deswegen die CD.“ Und so präsentiert Ray auf CD1 eine Reihe von Klassikern wie „Mama“, „Home by the Sea“ oder „Carpet Crawlers“ in Wilsonesquen Gewand: eine Rockband im Hintergrund, ein Kammerensemble und dazu viel akustische Gitarre. Und Ray interpretiert, lässt sich Zeit für seine Versionen, minimalisiert die Elektronik und den Pop-Appeal und macht aus den Songs halb-akustische Songwriter-Stücke. „Das ist die Schönheit der Live-Aufnahmen. Du kannst die Songs davon laufen lassen, sie richtig ausleben. Ich bin ein großer Fan von Live-Alben, weil sie die Songs neu erfinden.“

Auf dem zweiten Silberling finden sich dann Songs aus Rays Solozeit, also nach dem Erfolg als Rockstar, eine zweite Karriere unter viel bedächtigeren Vorzeichen. Ray denkt viel über seine persönliche Entwicklung nach, was sich auch in den Songs findet: „Ich denke die Selbsterkenntnis ist ein wichtiges Werkzeug für mich. Wenn du dich den Emotionen der Vergangenheit stellst und sie annimmst, dann enstehen daraus wichtige Songs für mich. Ich war nicht glücklich als ich aufwuchs und diese Zeit liegt verdrängt hinter Blockaden, bis ein Freund mich daran erinnert und so den Zugang zur Erinnerung ermöglicht. Das fange ich in den Songs ein. Deswegen haben die Songs auf der zweiten CD mehr Angst und Schmerz in sich, weil es um meine Vergangenheit geht.“ Die Solokarriere jedenfalls bekommt Ray gut, ohne die große Rockshow kann er mit sich selbst im Reinen sein: „Ich habe mit 30 endlich geschafft Frieden mit mir zu schließen. Seitdem geht es mir immer und stetig besser. Meine Karriere sollte langsamer passieren, ein Album, eine Tour, viel Zeit für mich und meine Familie. Ich bin jetzt 48 und habe all das erreicht. Und ich denke, die nächsten Jahre werden noch viel zu bieten haben.“

Fazit: Ein Album, zwei Versionen des Ray Wilson. Die Hommage an Genesis ist gelungen und bietet interessante Varianten der bekannten Songs, doch die eigentlichen Perlen sind Rays intime Solostücke, die nie besser klangen als hier.