Neue Heimat Bruchbude

Es gibt viele Hindernisse auf dem Weg eine erfolgreiche Band zu werden – fehlende Infrastruktur gehört definitiv dazu. Was liegt da näher, als sich selbst gleich ein alternatives Kreativzentrum zu bauen?

„Es hat einfach total genervt, dass wir nirgendwo richtig hin konnten und uns darauf konzentrieren konnten, Musik zu machen.“ Max, Sänger und Kopf der Hamburger Newcomer Brett ist sichtlich verschnupft – buchstäblich, wie auch sprichwörtlich. Dabei stehen wir gerade in der „Hebebühne“, einem Freiraum für jegliche Form kreativer Entfaltung. Einen Ort, den Max und seine Mitstreiter sich selber erschaffen haben, denn trotz der Metropole in der sie leben, hatten Brett nicht das Gefühl, sich wirklich kreativ entfalten zu können. Zu eng und teuer die Proberäume, ständiges Abwechseln und Koordinieren mit anderen Bands. Kein Studio zum Experimentieren. Die Lösung: sie suchten sich ein Abrissgebäude in Hamburg-Altona und bauten die alte Autowerkstatt in viel Kleinarbeit um: „Der Vermieter war froh uns zu bekommen, das Gebäude verfiel richtig. Wir haben alles selbst gemacht, entkernt, neu Leitungen und Rohre verlegt etc. – das war anstrengend, aber auch sehr lohnend.“ Nebenbei hat die Band in den Räumen geprobt und an ihrem Debut gefeilt. „Eines Tages, habe ich Böden geschliffen, stand in einer fetten Staubwolke, als die anderen kamen. Wir wollten proben, aber die Jungs mussten mich in den Proberaum tragen, so fertig war ich. Da ging nichts mehr.“

Das Ergebnis der vielen Arbeit kann sich sehen und hören lassen. Die Hebebühne ist ein interessanter Veranstaltungsort für Konzerte und Events, während im zweiten Stock Kreativräume bereit stehen, in denen nicht nur die Band ihr berufliches Zuhause gefunden hat. Musikalisch haben Brett auch einiges erreicht und legen nun mit „WutKitsch“ ein fulminantes Debüt hin. Elf Songs, rockig aber ohne bewusste Schublade, mal rotzig, mal zart aber immer auf Deutsch. „Wir wollten damit zeigen, dass wir voll dahinter stehen. Auf Deutsch können wir Sachen sagen, die die Leute verstehen. Deswegen wollten wir auch was sagen, was etwas bringt. Wir kanalisieren eine positive Wut. Es geht darum was rauszuhauen, aber ohne moralischen Zeigefinger.“ Entsprechend geht es Brett darum, die Dinge im Land zu hinterfragen. Vor allem unsere immer gleiche und konforme Meinung ist ein Problem für Max: „Ich finde, den meisten Menschen fehlt heute die Überzeugung. Die haben eine Meinung, können diese aber nicht mehr wirklich äußern und einen gepflegten Streit führen. Wir sind da provokanter und bereit unsere Meinung zu verteidigen. Deswegen sind die Texte kritisch, wobei wir uns selbst in der Kritik nie rausnehmen, sondern uns immer auch hinterfragen.“ Für Brett bedeutet das, sich einen eigenen Weg zu suchen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und darüber in den Songs zu berichten. Kritikern wird mit Enthusiasmus begegnet, im offenen Dialog, vielleicht demnächst auf einer Bühne in deiner Nähe … und dann auch wieder ohne Schnupfen.

Brett – „WutKitsch“

Ursprünglich erschienen im PIRANHA 03/18