Eine unüberwindliche Mauer durchzieht die Wüste, ihre Spitze säumt NATO-Draht, dessen Rasiermesserklingen in der glühenden Sonne glänzen. Kameratürme alle paar hundert Meter überwachen den Grenzbereich und über allem schwirren Dronen, die mit MGs bewaffnet sind und dafür sorgen, dass niemand illegal in das Land im Norden eindringen. Sollte sich doch ein Unglücklicher über das Hindernis wagen, wird scharf geschossen. …

Ein Szenario, das ebenso plausibel nach einem feuchten Traum Donald Trumps klingt, wie nach der dystopischen Vision eines Science-Fiction-Films. Tatsächlich wird die totale Abschottung der USA in Alex Riveras mexikanischem Film Sleep Dealer (2008) als Lösung gegen ungewollte Migrationsbewegungen gezeigt. Im Film benötigen die Amerikaner der Zukunft dank einer neuen Technologie zur Fernsteuerung via Gehirnwellen die Mexikaner nicht mehr als Servicekräfte. Stattdessen lässt man deren Arbeitskraft („all the work, without the workers“) in Fabriken mittels neuraler Knoten zur Steuerung von Maschinen fern-übertragen. Mexikanische Gehirne steuern Reinigungsmaschinen und Bau-Roboter in den USA, mexikanische Körper sterben in Armut in Tijuana. Kein Amerikaner muss mehr mit den sozialen Sorgen der Einwanderer konfrontiert werden.

Angesichts der sich immer weiter radikalisierenden Rhetorik der Politik in vielen Ländern Europas und Nordamerikas und der massiven globalen Konflikte und Probleme (Krieg, Vertreibung, Armut, etc.) ist es wohl kein Wunder, dass wir gerade in den letzten Jahren den Themenkomplex Flucht und Migration auch verstärkt in der Fantastik wahrnehmen. Dass ganze Volksgruppen vor Gewalt, Leid und Ungerechtigkeit fliehen müssen ist aber nicht wirklich ein neues Thema. So findet man schon in Tolkiens Hobbit das Motiv in den Zwergen, die von Smaug aus ihrem Berg vertrieben wurden. Wie aktuell das für uns ist, zeigt die Untersuchung des World Hobbit Project, bei dem Forscher die Publikumsreaktionen zu Peter Jacksons Verfilmungen ausgewertet haben. Flucht wurde hier von einigen Zuschauern durchaus als zentrales Motiv der Filme angegeben (siehe folgenden Artikel).

Aber auch und gerade in aktuellen Produktion wird das Thema vielseitig diskutiert. Dabei ist deutlich erkennbar, wie komplex Migration und Flucht sind und wie schwierig eine ideologische Positionierung etwa für Kreative ist. In den Science-Fiction-Filmen der letzten Jahre scheint zwar einerseits sowas wie ein Boom der Vertreibungen eingetreten zu sein, andererseits ist die Darstellung nicht immer unproblematisch.

Eines der bekanntesten Beispiele ist sicherlich Battlestar Galatica (2003, 2004-09), wo der Krieg mit den Zylonen die Menschen nahezu vernichtet und der Rest als Vertriebene durch das All flieht, konstant neue Angriffe der Zylonen fürchtend. Ethisch kompliziert wird diese Flucht-Geschichte durch die Historie der Zylonen, die als Sklaven von und für Menschen entwickelt wurden und später für eigene Bürgerrechte revoltierten (Link zu meinem Artikel über Robotersklaven). Die Serie zeigt damit auf, dass Krieg und Vertreibung letztlich selbstverursacht sind. Eine ethisch „richtige“ Position in globalen Konflikten wie diesem – und damit allegorisch dem US-Krieg gegen den Terror – ist nicht wirklich möglich. Flucht und Migration sind hier Nebenwirkungen politischer Machtbestrebungen und inhärenter Ungleichbehandlungen in der Vergangenheit.

Das Erbe der Vergangenheit ist auch das Thema in den folgenden Beispielen. Den Bewohnern von Asgard wird ihre gewalttätige und koloniale Vergangenheit in Thor: Ragnarok (2017) zum Verhängnis, als sie in Form der Todesgöttin Hela zurückkehrt und neu die Macht ergreift. Der Film zeigt, dass selbst vermeintlich paradiesische und zivilisierte Gesellschaften eine dunkle und gewalttätige Vergangenheit haben, die jederzeit wieder manifest werden kann. Hela wird zur autokratischen Herrscherin, inklusive Militäraufrüstung, ikonoklastischer Zerstörungswut und Verfolgung anders Denkender. Am Ende müssen Thor und die verbleibenden Asgardianer in Richtung Erde fliehen und ihre Heimat vollends aufgeben. Problematisch in Hinsicht auf die Darstellung von Flucht und Migration ist hier vor allem, dass die Flüchtenden den westlichen Gesellschaften ähneln und sogar als überlegene Kultur dargestellt werden – schließlich ist Asgard die Heimat der nordischen Götter. Eine ähnliche Position vermitteln auch die neuen Star Trek-Filme (2009-16), in denen Vulkan zerstört wird und die verbleibenden Vulkanier zur Migration gezwungen sind. Ihre technologische wie auch spirituelle Hochkultur führt aber nicht zu Ausgrenzungen und Diskriminierungen, sondern zu relativ unkomplozierter Assimilation in der Föderation. Probleme aktueller, realer Fluchtbewegungen und deren überwältigend negative Darstellung sind hier ausgeblendet. Die Flüchtenden sind keine illegalen Grenzübertreter, kommen nicht wie eine Naturkatastrophe als Überschwemmung daher oder bringen nur Gewalt und Verbrechen mit sich. Vulkanier und Asgardianer sind durchweg positiv konnotiert und werden im Sinne einer menschlichen Willkommenskultur akzeptiert.

Ganz anders ergeht es aber Aliens, die sich deutlich im Aussehen und Verhalten von den Menschen unterscheiden wie die als „Shrimp“ bezeichneten Außerirdischen des Films District 9 (2009). Regisseur Neill Blomkamp nutzt die Aliens als Bild für Wirtschaftsmigration, für gestrandete Unterprivilegierte, die von den Behörden mittels Segregation und Unterdrückung nur noch weiter misshandelt werden. Der Film zeigt die unfreiwillige Ghettobildung, die fehlende Integration und den zwangsweise folgenden Abstieg in Sucht, Verbrechen und Elend. Als Allegorie hat der Film angesichts zu Tausenden in Europa strandender Geflüchteter aus Afrika und der diskutierten Migrationslager und Ankerzentren eine zeitgeschichtliche Bedeutung erlangt, die 2009 in diesem Maß nicht abzusehen war. Die Räumung von Lagern durch die Staatsgewalt, der systemische wie individuell präsente Rassismus gegen die „Aliens“ und deren medial generierte Darstellung als Verbrecher und Drogensüchtige zeigen die auch heute wirkenden Mechanismen, mit denen Flüchtlinge entmenschlicht werden.

Wie drastisch eine Abwehrreaktion auf als ungerechtfertigt angesehene Flucht – was wir Wirtschaftsflucht nennen – sein kann, zeigt Regisseur Blomkamp in einem anderen Film. Elysium (2013) kehrt das Nord-Süd-Gefälle zwischen den USA und Mexiko in ein buchstäbliches Oben-Unten. Die orbitale Station Elysium bietet dem Top-1% der Menschheit, den Reichen und Erfolgreichen, eine Trutzburg gegen die dreckigen, armen und ums Überleben kämpfenden Massen auf der Erde. Mit Raketen werden unbewaffnet Flüchtlingsschiffe abgeschossen, mit Kampfdronen eine Mutter und ihre kranke Tochter verfolgt und gewaltsam aus dem Paradies extrahiert. Im Film steht Elysium ein für all die Segnungen, die unsere westliche Welt auch heute repräsentiert: wirtschaftliche Sicherheit, medizinische Versorgung, stabile Institutionen. Im Gegenzug zeigt die Erde deutlich auf, welche Situation zur Flucht führt: Armut, Chancenlosigkeit, Elend, Korruption, Gewalt – alles ausgelöst durch die mit brutaler Gewalt durchgesetzte Ungleichheit der Lebenswelten und die Entmenschlichung und Ausbeutung der Massen. Wenn Elysium aber als Botschaft gelesen werden soll und wir mit Protagonist Max mitfühlen, dann vergessen wir dabei zu leicht, dass wir – hier in Europa – für die über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge das Elysium sind, das seine Tore schließt und etwa die Landung in Italiens oder Maltas Häfen verweigert.

Science-Fiction (und Fantasy) erlaubt uns, wie auch bei anderen schwierigen Themen der Zeit, zu Flucht und Migration andere Perspektiven einzunehmen. Wir können Max’ Ausbeutung erfahren und sein Bedürfnis danach eine Chance im Leben zu haben, wir können die Wandlung von Wikus erkennen, der in District 9 erst als Mitläufer-Bürokrat die Entscheidung der Umsiedlung schönredet und dann plötzlich am eigenen Körper die Diskriminierung erfährt, weil er selbst zum ausgestoßenen Alien wird – eine Erfahrung, die man so manchem starrköpfigen bayrischen Politiker auch gönnen mag. Und wir erkennen mit der Crew der Galactica, dass wir selbst nicht unerheblichen Anteil daran hatten, die Situation herbeigeführt zu haben. Der vermeintliche Feind ist genauso Mensch mit Ängsten und Sorgen und der Flüchtende hat dieselben Bedürfnisse nach Sicherheit und Wohlstand wie wir selbst. Vielleicht lernen wir sogar was daraus.

 

Ursprünglich erschienen auf Tor-Online am 13.08.2018