Von Comics und Freiheit

Eigentlich ist die Rubrik „CD des Monats“ für The Unforgiving nicht angebracht, denn Within Temptation veröffentlichen weit mehr als nur ein einfaches Musikalbum. Es um das künstlerische Gesamtwerk, um die Vision hinter der Musik.

„Normalerweise haben wir auf jedem Album ein oder zwei Songs, die von anderen Werken, wie etwa Büchern oder Filmen inspiriert sind“, erklärt Gitarrist Robert Westerholt den bei Within Temptation üblichen Inspirationsprozess, „aber für das neue Album war uns das nicht genug. Wir waren auf der Suche nach etwas Neuem, etwas, das die Band weiterbringen würde, aber auch eine Herausforderung darstellte.“ „Und weil Robert, der kleine Nerd in der Familie ist, haben wir uns in Richtung Comics orientiert. Er liebt diese Dinger,“ sagt Sängerin und Lebenspartnerin Sharon den Adel und neckt Westerholt. Die Suche jedenfalls war erfolgreich und so kam die Kooperation zu The Unforgiving mit Stephen O’Connell (Blood Rayn) und Romano Molenaar (X-Men) zustande, wie Westerholt erklärt: „Erst hatte Stephen uns ein paar Projekte gezeigt, die noch auf seinem Schreibtisch lagen, aber nichts passte so richtig. Wir wollten kein Album über eine Zombie-Invasion machen. Und dann kam er mit der Idee der verlorenen Seelen, die nach dem Tod um Vergebung kämpfen. Das passte super.“ Die Band war auf Anhieb begeistert und die Idee der „Unforgiving“ war geboren. Im Schaffensprozess zwischen Zeichnungen, Musik, Texten und Videomaterial entwickelte sich eine epische Geschichte, so Westerholt: „Bei Songs entwickelt sich nur ein Moment, keine lange Geschichte, und dank des Konzeptalbums und der Verbindung zu den Comics hatten wir zum ersten Mal Gelegenheit eine richtig lange Story zu entwickeln. Daran beteiligt zu sein war unglaublich spannend. Und es hat unser Songwriting auf die Probe gestellt.“

Inhaltlich geht es um gequälte Seelen, denen im Leben nichts geschenkt und die ins Unrecht getrieben wurden. Im Tod werden sie von Mother Maiden, einem Rachegeist, angeworben, um sich von ihrer Schuld zu befreien, in dem sie Unrecht rächen. So wie Drogenjunkie Sinéad, die ihren Vater getötet hat, oder die Triplets, die missbraucht wurden und sich des Täters mit Hilfe einer Handgranate entledigt haben. Die Geschichten sind düster und gewalttätig, aber auf der inhaltlichen Ebene philosophisch und melancholisch. Die Musik, die Within Temptation dazu entworfen haben ist getragen und noch bombastischer als man es von den Vorgängeralben gewohnt ist. Dank der Erzählung, des verbindenden Konzeptes und der verschiedenen Situationen, zu denen die Songs wie ein Soundtrack passen, ist das Album aber auch variabler, poppiger und experimenteller zu gleich: „Wir hatten unterschiedliche Momente innerhalb der Geschichte“, erklärt den Adel, „an denen die Musik ansetzte. Das gab uns viel Freiraum für die Produktion. Wir konnten Dinge ausprobieren, wie etwa einen Dancebeat im Clubstyle.“ Auch Westerholt lobt eben dieses Moment der Freiheit: „Statt in unseren Schemata gefangen zu sein, hat es der Bogen der Geschichte möglich gemacht, zu entscheiden, wie und wo unsere Songs in die Story eingefügt wurden.“

Doch die Musik war nicht das einzige Experiment, denn neben der Comics, die das Album rahmen, hat sich Westerholt dazu entschieden, das Videobudget nicht etwa in teure Hochglanzaufnahmen zu stecken, sondern stattdessen künstlerisch eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Kurzfilme zu drehen, die zusammen mit dem Album erscheinen und die einfachen Band-Videos ergänzen sollen. „Das MTV die ausspielen wird glauben wir zwar nicht“, sagt er, „aber sie zu drehen war uns wichtig. Sie ergänzen Comics und Album um eine weitere wichtige Ebene.“ Und sie erklären in traurigen, dunklen Bildern die Herkunft der „Unforgiving“, stellen im multimedialen Narrativ also eine weitere Bedeutung her. Und so ergibt es sich, dass The Unforgiving, wie am Anfang postuliert, nicht etwa eine tolle „CD des Monats“ ist, sonder weit mehr – ein Gesamtwerk des Monats, wenn man so will.

 

Für eine Handvoll Linien

Ein Blick auf das Comic zum Album

Das Prequel, das schon vor dem Release des Albums erschien, bot einen Ausblick auf die Geschichte um Mother Maidens Rachegeister, die sich nun in sechs Ausgaben des Unforgiving-Comics ausbreiten wird. Entwickelt und geschrieben wurde die Story um Vergebung suchende Tote von Steven O’Connell, einem New Yorker Comicschreiber, der mit der BloodRayne-Reihe Mitte der 2000er seine größten Erfolge feierte. Nach deren Abschluss veröffentlichte O’Connell dann ein apokalyptisches Horrorszenario namens Dark 48, in dem der männliche Teil der Menschheit von einem Virus befallen wurde und sich in rasende Zombies verwandelt hat. Ein rein weiblicher militärischer Spezialtrupp auf der Suche nach einem Gegenmittel ist demzufolge der Fokus dieser dystopischen Vision. Seine Vorliebe für düstere Szenarien und starke Frauen dürfte sich auch in The Unforgiving zeigen, bei dem er vom Holländer Romano Molenaar unterstützt wird, der sich als Zeichner bei Chaos Comics seine Sporen verdient hat, wo er an Lady Death mitgearbeitet hat. Seine bekanntesten Arbeiten dürften aber Ausgaben der berühmten Witchblade-Reihe und X-Men Unlimited sein, bei denen er als Zeichner gearbeitet hat.

 

Within Temptation – The Unforgiving – Track by Track

Why not me – Das Intro von Mother Maiden, die kurz in die Geschichte der Unforgiving einführt und ihre Aufgabe erklärt, mit düsteren Klängen unterlegt.

Shot in the Dark – Der Song zum Triplets-Film, definitiv eine Single-Auskopplung und ein absoluter Hit. Dramatische treibende Streicher, kraftvolle Gitarren – so kennen wir Within Temptation.

In the Middle of the Night – Es wird noch mal einen Gang hochgeschaltet, das Tempo angezogen und die Hymne angestimmt. Dieser Song dürfte dank der im Hintergrund wirbelnden Riffs und des druckvollen Refrains live am gewaltigsten wirken.

Faster – Die erste Single und der Song zum Mother Maiden-Film. „It is burning deep inside, like gasoline or fire running wild“ singt Sharon bevor sich der Song wie ein Großbrand auf der Tanzfläche ausbreitet und einen zur Bewegung zwingt. Clubhit!

Fire and Ice – Melancholische Streicher schwellen auf, ein zartes Piano stimmt zur Melodie an bevor Sharon in leisen Tönen die erste Ballade des Albums präsentiert. Es dauert fast zwei Minuten, dann folgen Drums, Gitarren und der Rest des Orchesters.

Iron – Wie eine Wagnersche Oper donnert der Track los, als wollten Wotan, Odin und Loki ihre Kräfte messen: „You can’t live without the fire, it is the heat that makes you strong!“ Nur die Bridge von Mother Maiden wirkt etwas zu sehr theatralisch.

Where is the Edge – Der Song groovt im Mid-Tempobereich und baut über vier Minuten die Spannung auf, insbesondere getragen von Sharons erst zögerlichem, dann immer kräftiger werdendem Gesang.

Sinéad – Eine weitere Single und der Song zum gleichnamigen Kurzfilm. Orgelklänge, Sharon mit traurigem Timbre und dann ein Clubbeat bevor die Streicher einsetzen und der Song melodisch mit irischem Touch voranschreitet.

Lost – Eine süßlich Melodie, langsames Tempo und eine orchestrale Begleitung, die die Band diesmal fast in den Schatten stellt. Erst im Refrain drücken Gitarren und Drums sich in den Vordergrund, sonst bestimmen Streicher und Chöre den Song.

Murder – Hitchcock hätte an dem Intro seine wahre Freude gehabt. Dann setzt Sharon mit psychotisch-verzerrter Stimme ein, die Gitarren schleifen über tiefe Riffs und ein hysterischer Chor irritiert noch weiter. Ungewöhnlicher Stil für Within Temptation.

A Demon’s Fate – 80er Jahre Synthies, dancelastige Rhythmik und schwelende Gitarrenwände im Hintergrund, dann der Bruch und schwere Riffs ziehen den Song nach vorne und erhöhen das Tempo.

Stairway to the Skies – Das Piano bildet den Anfang vom Ende des Albums, dann eine an Neofolk erinnernde Gitarre, der Midtempo-Rhythmus setzt ein und wir schließen mit einem eher typischeren WT-Sound.

 

Ursprünglich erschienen als CD des Monats im Piranha 04/2011 und bei Piranha.tv.