Das Mysterium des „Like“-Buttons

Es ist zehn Uhr morgens und Rhys Fulber, Mastermind von Conjure One, sitzt bei seinem dritten Kaffee im Wohnzimmer seines Hauses in einem Vorort von Los Angeles. Vor ihm ist die Facebook-Seite seines Computers geöffnet und Fulber lacht: „Es ist unglaublich, wie sehr sich alles verändert hat. Heutzutage glauben die Leute tatsächlich sie müssten nur „Like“ anklicken und schon würden sie eine Band unterstützen. Andererseits meinen Musiker sie müssten ihre Arbeit bei Twitter kommentieren. Alles ist so dekonstruiert. Wo bleibt denn da noch die Mystik der Musik, die früher mit einer Platte verbunden war?“ Musik war so mysteriös und reizvoll für Fulber, dass er mit 15 die Schule schmiss und seitdem unaufhaltsam Musik produzierte. Er liebt das Experiment – ob als Musiker oder Konsument -, er hört wann immer möglich ausländische Radiosender und durchforstet das Internet nach neuen, unbekannten Klängen. „Das ist der große Vorteil des Internets: ich kann einen Radiosender aus Kasachstan oder Georgien empfangen und mich inspirieren lassen.“ Auf dem neuen, dritten Album seines Projektes Conjure One ist die Inspiration zu hören, ebenso wie die Mystik, denn wie schon auf den Vorgängern verbindet Fulber Ambient und sphärische Klänge mit Electronica zu universellen Klangexperimenten. Das Zentralasien dabei starken Einfluss nimmt liegt am Mysterium dieser Region: „Als ich Kind war in den 70er in Kanada, da waren die Russen das große Unbekannte hinter dem eisernen Vorhang. Im Gegensatz zu allen anderen, fand ich das eher faszinierend als befremdlich und wollte mehr wissen. Heute kann ich das in meine Musik aufnehmen. Zentralasien bietet einen kulturellen Schmelztiegel, den ich bei Conjure One aufzeigen wollte.“ Gelungen ist ihm dies vor allem durch seine akribische Produktion und eine großartige Auswahl weiblicher Stimmen, die das Album weit über die Grenzen von Genres und Nationalitäten hinaustragen und Conjure One weltweit neue Fans beschert. Bleibt für Fulber also nur noch zu hoffen, dass Exilarch diese auch zu den Konzerten treibt und nicht einfach nur dazu, den „Like“-Button zu klicken.

Ursprünglich erschienen in Piranha 05/2011 und bei Piranha.tv.