Mit dem Trend zu leben, kann für It-Girls, Boxenluder und Partyhengste zur Lebensaufgabe werden. Für Trendscouts, Designer und Werber ist es das täglich‘ Brot, und die intellektuelle Elite übt sich in Abgrenzung. Das Massenphänomen „Kultur“ setzt die Maßstäbe unseres Lebens. IN und OUT sind das Adrenalin, das das Herz vorantreibt …

Hiermit möchten ich mich outen, gleich im doppelten Sinne des anglizistischen Wortes. Einserseits eignet sich dieser Artikel eindeutig als Offenbarung gegenüber der (zum Glück anonymen) Masse, andererseits ist das Thema dieses Lippenbekenntnisses der Trend: ich bin OUT, völlig nicht-hip, weder phatt, noch cool und ganz bestimmt nicht IN. Wenn ich also die Tatsache in Kauf nehme, von jetzt an von meinen Mitmenschen nur noch gequälte Blicke und mitleidiges Schnarren entgegengebracht zu bekommen, dann nur um endlich meine Seele zu erleichtern.

Versteht mich nicht falsch, ich war mal IN, oder zumindest hab ich es mal versucht. 14 Jahre alt und der festen Überzeugung, daß der Sinn meines Lebens darin bestände, mich im Marken-dschungel zu beweisen. Levis, Nike und Diesel waren in diesen Tagen das Triumvirat und ich musste mich entscheiden. Denn leider war mein Geldbeutel knapp, meine Mutter ein ständiges Hindernis bei der Umsetzung meiner Pläne („Schatz, ich hab da was bei C+A gefunden.“) und mein Arsch ein wenig zu umfangreich für die 501. Demnach investierte ich statt in die Dreifaltigkeit nun in das duale System: ich lenkte kritische Blicke von Mutters Billigjeans durch eine coole Diesel-Jacke in lila (!) und die ersten Air Jordans ab. So trendy war ich nicht lange: die immerwährende Erneuerung der Statussymbole erforderte eine zu hohen logistischen Aufwand – kurz gesagt mein Taschengeld hielt dem Trend nicht stand, ich war pleite.

Nun ja, es folgte was folgen musste: ich wurde zum sozialen Aussenseiter. Meine Schuhe waren überholt – das selbe Schicksal teilte Jahre später ihr Namensgeber – und lila war eine Farbe für Kühe aber nicht für Jacken. Hinzu kamen einige Erfahrungen mit der Subkultur (Stichwort: Metall-Kutte) und schon war ich sowas von OUT, zumindest für den Mainstream. Doch das Schöne an unserer postmodernen Flickenteppich-Gesellschaft ist nunmal eine Ecke für jeden. Ich wurde durch einen gut-getimten USA-Aufenthalt zum hippsten Schüler an unserer Schule. Noch bevor sich in Deutschland eine Jugendgeneration in Holzfällerhemden und DocMartens mit fettigen Haaren auf die Suche nach dem Schwermut des Lebens machte, wußte ich, was Grunge bedeutet und wo Seattle liegt. Auch ein Anti-Trend ist ein Trend, und daß das nicht lange gut geht, bewies uns allen Kurt Cobain.

Ich verzichtete allerdings auf derart drastische Maßnahmen und wechselte lieber die Subkultur nach belieben: vom Grunge zum Punk, vom Punk zum Goth, vom Goth zum Raver und wieder zurück zum Rocker. Immermal wieder streifte der eine oder andere Trend meinen Lebensabschnitt, doch im Großen und Ganzen verlor ich den Überblick und spätestens seit HipHop die Massenkultur erreicht hat, ist mein Horizont zu klein. Von all den Acronymen, die mich heute aus der Werbung anschreien, kenne ich kaum noch eine: DKNY, D+G, CKY, RBK, K1X, RDJ. Die Sprache auf der Straße klingt nach Brooklyn in Hamburg und rosa als Trendfarbe für Männerhemden hat mich zu Tode geängstigt. Was habe ich verpasst?

Die Antwort ist ganz einfach: den Trend. Und nicht nur einen, sondern ganz, ganz viele in den letzten Jahren. Ich habe aufgegeben, mich über die Farbkombinationen in den H+M Schaufenstern zu wundern. Türkis und braun?! Ein Wiedersehen mit den Trends aus meiner Jugend löst keine Zeitreise-Panik mehr aus. Waren Converse Chucks nicht in den 80er IN? Na und, dann sind sie es halt wieder. Das mit den Trends scheint ja auch zyklisch zu sein, oder warum ist Asymetrie bei Klamotten so beliebt?

Ich jedenfalls bin ganz zufrieden damit, OUT zu sein. Ich brauche meinen Klamottenschrank nicht alle Vierteljahr zu erneuern, meine Musiksammlung nicht zu verstecken, damit keiner die Sünden von letzter Woche sieht und ganz bestimmt auch nicht jeden Tag den Friseur belästigen, um ihm den neuesten Look abzuzwingen, den ich gerade aus dem Internet gezogen habe: „So sah Beckham gestern abend aus. Genauso will es auch haben!“ Ich sitze also vor dem Rechner, in schwarzem T-Shirt (paßt zu allem), ohne Marke oder Spruch darauf und schreibe einen Artikel über Trends, die ich nicht kenne. Nur meine DocMartens, die hab ich immer noch. Ob die nun OUT oder IN sind, weiß ich nicht. Ist auch scheißegal. Ruft mich an, wenn OUT sein wieder IN ist, ok?

Der Artikel ist anderweitig unveröffentlicht.